Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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ÜBER FENSTERPEKORATToN

von RUDOLF TRUNK

Als zu Beginn des abgelaufenen
Jahrhunderts eine höhere Werthschätzung
mittelalterlicher Kunst Platz zu greifen
begann, nachdem auf Anregung von
Gcethe und Schlegel, die Brüder Boisseree
zu Köln, die erreichbaren Reste « alt-
deutscher» Malerei, die bis dahin kaum
beachtet wurden, zu sammeln begannen,
zeigte sich wohl in Folge dieser Sammel-
bestrebungen und angeregt durch die
zahlreichen Werke allenthalben Interesse
für die Glasmalerei. Jahrhunderte lang
hatte dieser wichtige Zweig der dekora-
tiven Kunst geblüht, bis
Kunstanschauung und die
ung anderer Techniken ihn
und fast gänzlich in

Vergessenheit

veränderte
En t wickel-
verdrängten

(r f1.

rathen liessen. Aber jene Künstler, die mit
zähem Fleiss die verloren gegangene
Technik zu üben begannen, um nach
mühseligen und langwierigen Versuchen
den Geheimnissen der alten Meister auf
die Spur zu kommen, griffen den Faden
unglücklicher Weise da auf, wo er ge-
rissen war; sie fassten jene Periode der
Kunst ins Auge, die ihr den Verfall ge-
bracht hatte. Alle versuchten sich in der
Anwendung von Schmelzfarben auf hellem
Glas in dem Bestreben, Staffeleibilder
in die Glastechnik zu übertragen.

Auch die anfangs erwähnten Sammler
verfielen dem gleichen Irrthum, indem sie
einen Theil der alten Gemälde ihrer
Sammlung auf Glas copieren liessen. Es
dauerte bis zur Mitte _ des Jahrhunderts,
bis es der Glasmalerei gelang, das ver-
lorene Gebiet zurückzuerobern. — Dieser
Erfolg würde vielleicht schon früher er-
reicht worden sein, wenn die Vertreter
dieser Kunst nicht immer wieder ihr

Bestreben darnach gerichtet hätten, die
Technik der Oelmalerei nachzuahmen.
Die Meister des Mittelalters legten ihrer
Kunst in richtiger Erkenntniss ihrer
Grenzen weise Beschränkung auf, aber
eben diese Beschränkung wurde vielfach
als Zeichen künstlerischer und technischer
Impotenz gedeutet. Seitdem machte die
Glasmalerei — es sei hier von der pro-
fanen gesprochen — alle Stilwandlungen
unseres Kunstgewerbes mit. Als die
Renaissance mit allen ihren Nüancierungen
unser kunstgewerbliches Sinnen und
Trachten ausfüllte, richtete der Glasmaler
sein Augenmerk auf die Werke des
15. Jahrhunderts und copierte sie mit allen
ihren zeichnerischen Fehlern und Ver-
schrobenheiten ; seinen höchsten Ehrgeiz
setzte er darein, mit seiner Copie dem Ori-
ginal so nahe zu kommen, dass sich mög-
licherweise ein Sammler täuschen Hess.
Während also ein Theil der Glasmaler in
dem getreuen Copieren archäologisch inte-
ressanter Abnormitäten das höchste Ziel
seines Könnens betrachtete, wollte der
grössere Theil und mit ihm das kunstver-
ständige Publikum, dass nur Werke einer
früheren Periode künstlerischer Ver-
werthung würdig seien. Allmählich brach
sich aber die Erkenntniss Bahn, es müsse
den mittlerweile zu grösserer Vollkommen-
heit gediehenen Malmitteln Rechnung
getragen werden und Composition und
Behandlung müsse den Stempel unserer
Zeit tragen. Gegen letztere Ansicht ist
wohl nichts einzuwenden, denn für eine
archäologische Nachahmung mittelalter-
licher Manieren sind die Malmittel, sowohl
der Farben als der Gläser, zu mächtig
geworden. Wenn nun die jetzigen Maler
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