Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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DIE DEUTSCHE WOHNUNGS-EIN-
RICHTUNG - Von Rud. TRUNK.
— (Fortsetzung). — Die Münchener Aus-
stellung des Jahres 1876 zeigte uns den
Höhepunkt der Renaissanceschwärmerei;
verfolgt man aber die Zeit bis zu der-
jenigen des Jahres 1888, so merkt man
bald den Geist des Ueberdrusses und
der Unzufriedenheit deutlich genug heraus,
der Laie bekam die immer wiederkeh-
renden Formen satt; er verlangte Luft
und Licht und der Künstler musste be-
strebt sein, für die gewünschte Abwechs-
lung zu sorgen. Er verfolgte die einmal
begonnene Stilrichtung auf ihrem ab-
steigenden Ast durch alle Wandlungen der
verschnörkelten Spätrenaissance bis zu
ihrem Niedergang. Das gegenseitige Ueber-
bieten der Kunsthandwerker, die Sucht,
dem Publikum stets etwas «Neues» zu
bieten, wurde zum Wettlauf und dieser
schliesslich zur Hetzjagd. Es ist selbstver-
ständlich, dass bei diesem überstürzten
Arbeiten dem Ausführenden keine Möglich-
keit geboten war, auf all die charakteris-
tischen Eigenschaften, auf die Feinheiten
und Formennüancen des kopirten Stils
einzugehen.

Was nutzte das eifrige Abmahnen der
strengen Anhänger der Renaissance, nach-
dem einmal das Kunsthandwerk in eine
verdächtige Verwandtschaft der Mode ge-
rathen war; die Jagd musste weitergehen.
Die spielenden Formen der letzten Renais-

sanceperiode genügten nicht mehr, man
verfolgte den Kreislauf weiter — was die
Urheber der ganzen Stilbewegung in ihrem
Patriotismus gewollt und angestrebt hatten,
war längst vergessen. Die freien Formen
des Barok gaben für kurze Zeit weiter
Stoff, bald aber die prunkvollen und über-
schwänglichen Decorationen des Rococo,
die vereinfachte Art des Stil Louis XVI.
und schliesslich die unmittelbar dem klas-
sischen Zeitalter entnommenen Formen
des Empire. Die Entwicklung der dekora-
tiven Kunst mehrerer Jahrhunderte wurde
auf den Zeitraum weniger Jahre zusammen-
gedrängt, so dass Producent und Consu-
ment kaum mehr zu Atem kamen und der
allenfalls vorhandene gute Geschmack des
Letzteren bei diesem Ueberbieten total
verwirrt werden musste. Die Münchener
Ausstellung vom Jahr 1888 gab ein getreues
Bild des allzu raschen Entwickelungsganges
— die Renaissance war schon überwunden,
alle späteren Perioden waren durch über-
reiche, prunkvolle Einrichtungen vertreten,
die allenfalls als Repräsentationsräume für
fürstliche Bedürfnisse gelten konnten, für
die Wünsche des Volkes aber war so gut
wie nichts vorhanden. Manche Möbel-
künstler, die keinen Ausweg mehr fanden,
griffen weiter zurück und machten ihre
Anleihe bei der Gotik; diese hatten we-
nigstens den Vorzug, einfache Einrichtungen
zu liefern und damit dem Kaufvermögen
weniger bemittelter Volksklassen entgegen-
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