Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Leitschuh: Eine moderne Kunstgewerbescliulc.

sehr viele dringende Bedürfnisse im Haus-
stand haben, die sich mit den Produkten
der herkömmlichen Textilindustrie über-
haupt nicht oder nur mit grossen Kosten
und vielen Umständen, meist auch nur
durch englische und französische Fabrikate,
befriedigen lassen.

Zum Beispiel fehlt es durchaus an
geschmackvollen Tischdecken, grösseren
und kleineren. Dann weiss jeder, der
es versucht hat, wie schwierig es ist,
einen in der Farbe und im Muster
auch nur erträglichen, dabei leidlich dauer-

haften deutschen Stoff für Möbelbezüge
zu finden. Hier könnten unsere Frauen
wirklich emsig dazu beitragen, dass unsre
Produktion neue Bahnen einschlägt.

Es sei bei dieser Gelegenheit betont,
dass die Benutzung der Muster der alten
Bauernweberei irgend welchen Ursprungs
nicht ratsam ist. Damit kommt man gleich
wieder auf einen toten Punkt.

Es wird überflüssig sein, an dieser
Stelle alle die Textilarbeiten aufzuzählen,
bei denen die Herstellung durch die Haus-
weberei erwünscht sein kann.

eine moperNe kuNstgewerbesöule

Von Prof. Dr. LEITSCHUH

(FORTSETZUNG)

Auch die Kunstgewerbeschule kennt
freilich für ihre Anfänger Hülfsmittel,
Uebungen zur Erreichung ihrer höheren
Ziele : die ersten Zeichenübungen können
selbstverständlich nicht mit der Darstellung
von Naturformen der Pflanze beginnen.
Auch das einfache Conturenzeichnen nach
Vorlagen wird geübt, um das Augenmass
zu üben und einen sauberen Strich zu
erreichen. Hat der Schüler sich eine ge-
wisse Fertigkeit im Nachzeichnen und
Vergrössern dieser Vorlage angeeignet,
so werden ihm Naturabgüsse, welche die
Schatten, für die das Auge des Schülers erst
erweckt werden soll, besonders klar und
deutlich zeigen, vorgelegt, diese Gypsab-
güsse zeichnet er ebenfalls zuerst nur in
der Contur, dann mit breiter Schatten-
angabe; zuletzt folgt dann die vollständig
plastische Wiedergabe und Vergrösserung,

jedoch immer mit Berücksichtigung der
Contur. Nach diesem Gypszeichnen be-
ginnt der Schüler sofort mit dem Zeichnen
nach der Natur; im Sommer beschäftigt
ihn das Pflanzenzeichnen, im Winter das
Zeichnen nach praktischen Gegenständen,
Hausgeräthen, Gefässen, Waffen, Musik-
instrumenten, kleinen Modellen von Schiffen
u. s. w. Zunächst wird das Interesse des
Schülers auf die Fülle von Blattformen
gelenkt, bis er im systematischen Lehr-
gange zur ganzen lebenden Pflanzenform
und zur Blume vorschreitet. Die Aus-
führung ist zunächst in Blei, später wird
das Ausziehen mit Feder und Pinsel geübt,
dann die breite Schattenangabe und end-
lich leichtes Aquarelliren. Es wird bei
diesen Uebungen der Kunstunterricht aber
keineswegs zum Geometrie- und Rechen-
unterricht, obwohl der Schüler angehalten
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