Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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UEBER HAUSVEBEREI

Von Prof. Dr. A. LICHTWAE CK

In den letzten Jahren hat sich
in Strassburg das Gebiet der
Handarbeiten auf das erfreu-
lichste erweitert; die Haus-
weberei ist wieder aufgenommen.

Wie es in solchen Dingen zu gehen
pflegt, kam derAnstoss von verschiedenen
Punkten aus gleichzeitig.

In diesem Augenblicke wird die Frage
aufgeworfen: Ist es geraten, die schon viel
zu vielen Handarbeiten, die im deutschen
Hause gepflegt werden, noch um eine
neue Technik zu vermehren? Sollen die
deutschen Frauen und Jungfrauen nicht
lieber Sport treiben, als nach alter Sitte
bei den Handarbeiten hocken?

Der Einwurf ist nicht ohne Berechti-
gung, aber es handelt sich nicht um eine
Vermehrung der Handarbeiten, sondern
um den Versuch einer Reorganisation.

Dass die technische Beschäftigung
der Frauen im deutschen Hause sehr im
argen liegt, kann nicht bezweifelt werden.
Es wird viel zu viel gestickt, gehäkelt,
geklöppelt, und die ganze Sache steht bis
auf seltene Ausnahmen im Dienste eines
furchtbar verkommenen Geschmacks und
des völligen Unvermögens, einen Unter-
schied zu erkennen zwischen albernen
Ueberflüssigkeiten und dem, was das Leben
nötig hat.

Es ist geschmacklos, Dinge herzu-
stellen, die niemand brauchen kann, die
deshalb überall zur Last sind, und die das
einigermassen erzogene Auge beleidigen,
ganz davon abgesehen, dass es auf eine
Vergeudung von Nationalvermögen hinaus-
läuft ; denn Zeit, Kraft und Liebe, die
dabei entwickelt werden, sind das Wert-
vollste, was ein Volk besitzt, weil sie
mittelbar oder unmittelbar alle anderen
Güter erzeugen könnten.

Also wäre bei der Reform der Hand-
arbeiten zu fordern, dass eine Beschränkung
und Vertiefung eintritt.

Da kommt die Hausweberei wie ge-
rufen.

Auf dem Webestuhl kann ebensoviel
Unfug angerichtet werden, wie mit der
Sticknadel, aber doch vielleicht nicht ganz
so bunt.

Wir müssen deshalb wünschen, dass
die Hausweberei, die noch keine schlechten
Traditionen hat, nicht von den üblen Ge-
wohnheiten der übrigen Handarbeiten
angesteckt wird und vor allem nicht die
Neigung erhält, die sonst der deutschen
Handarbeit innewohnt, ihr Nerv an das
Ueberflüssige zu hängen, das keinem
Gebrauch dient.

Wenn die Sachlage scharf ins Auge
gefasst wird, stellt sich heraus, dass wir
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