Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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EIN

POKUMENT

PEUTS(JlER KUNST

Von
Hugo Höpfner.

nennt sich
die auf der
Mathilden -
höhe zu Darm-
stadt kürzlich er-
öffnete Ausstel-
ung einer Reihe
von Wohnhäu-
sern, welche in
ihrer künstleri-
schen Anlage,
der feinfühligen
originellen , bis
in das kleinste
Detail gehenden Durchbildung ihrer Wohn-
räume das Grossartigste sein soll, was
deutscheKunstundKunstgewerbejehervor-
gebrachthaben! Sieben moderne Künstler,
vielleicht Ueberkünstler, wie sie eben nur
das zwanzigste Jahrhundert erzeugen kann,
hat ein glückliches Geschick dazu berufen;
unser decadent gewordenes deutsches
Kunstgewerbe, das ja nur mehr aus
gänzlich versumpften Quellen zu schöpfen
vermochte, wieder aufzurütteln und die
Wege zu weisen, welche zu der unbedingt
notwendigen Höhe führen müssen. Frei
von aller Anlehnung an vorher Bestan-
denes, kindlich naiv, rein individuell, muss
das Haus, muss der Wohnraum gestaltet
werden, so dass dem Besucher des Hauses
beim Betrachten der einzelnen Räume
nicht allein der Geschmack des Besitzers
klar zu Tage tritt. Nein ! Sein ganzes
Fühlen und Denken, seine intimsten Cha-
rakterzüge müssen sich aus der feinen

künstlerischen Ausgestaltung der einzelnen
Räume erkennen lassen.

Wie diese Bestrebungen in den Bauten
und Räumen der Ausstellung gelöst worden
sind, das ist geradezu phänomenal und es
erklärt sich daher «die eminente Bedeutung
der Ausstellung»!

In den Formen zwar etwas stark
sonst aber «deutsch» bis in's Mark ist
diese Ausstellung. Daran darf nicht ge-
zweifelt werden! Wenn schon von ver-
schiedenen Seiten die wirklich einfältige
Behauptung aufgestellt worden ist, die Aus-
stellung erinnere sehr an «Barnum», so
ist das lächerlich; denn an Barnum könnte
höchstensdie Reklame,welche dafürgemacht
wird, oder vielleicht der Katalog in seiner
überaus bescheidenen Abfassung erinnern.
Doch amerikanisch ist die Ausstellung nicht!
Viel eher noch «Early English»! Unsinn!
Ein Dokument «deutscher Kunst» ist sie
und daran darf eben nicht gerüttelt werden.

Bevor wir in die Ausstellung eintreten,
ist es notwendig, dass wir uns den heutigen
Stand des Kunstgewerbes in Deutschland
näher betrachten; denn erst dann sind
wir in der Lage « die eminente Bedeutung
der Darmstädter Ausstellung» so recht zu
würdigen.

Seit der ersten Londoner Weltaus-
stellung, anfangs der fünfziger Jahre des
19. Jahrhunderts, war man in den meisten
Ländern Europas bestrebt, das total her-
unter gekommene Kunstgewerbe wieder zu
heben und es geschah das hauptsächlich
durch Anlage von Sammlungen muster-

st»
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