Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Zur GcscJüchte der elsass-lothriugischen Fliesen-Keramik.

Schäften sollten heutzutage, wo das König-
tum einen Teil seiner Befugnisse an den
Staat abgegeben, zur Hebung des Ge-
schmackes eingreifen. Auch das schon von
anderer Seiteempfohlene engereZusammen-
gehen der Kunstgewerbetreibenden im
Elsass dürfte der modernen Richtung auf
der ganzen Linie bald zum Siege ver-
helfen. Die Weiterentwickelung der Kräfte,
wie sie ein kunstgewerbliches Vereinsleben
mit sich bringt, schafft ohnehin viel höheren
Gewinn, als wenn wir in vornehmer Ab-
geschlossenheit über eine Vollendung
brüten, der wir uns nur durch gemein-
same Thätigkeit zu nähern vermögen.
Dazu kommt noch, dass während ander-
wärts die Kunstgewerbeschulen zur Aus-
bildung neuer Kräfte als unbrauchbar be-

zeichnet werden, gerade im Elsass die
Schule mit ihren Lehrwerkstätten den
Boden geebnet hat für die neuen Bestreb-
ungen. Aber es sei auch unvergessen,
dass auch die selbständig hier schaffenden
Künstler zur rechten Zeit die Entwickelung
der Kunst im Handwerk thatkräftig ge-
fördert haben. R. Diehl.

£UR GESCHICHTE PER ELSASS-LOTHRlNGISCHEN

FLIESEN-KERAMIK

Fliesenbelegte Räume verkörpern im
Mittelalter Pracht und Herrlichkeit. Im
XII. und XIII. Jahrhundert ist bereits
ganz Westeuropa im Besitze einer tech-
nisch hochentwickelten Fliesenkeramik.
Es war eine verbreitete Sitte, den Fuss-
boden zu belegen und gleichzeitig zu
schmücken. Der Belag mit Plättchen von

* Dr. R. Forrer,« Geschichte der europäischen
Fliesen-Keramik vom Mittelalter bis zum Jahre
1900.» Mit 107 Tafeln (700 Abbildungen) in Licht-
und Farbendruck, nebst 200 Abbildungen im
Text. Strassburg i. E. Verlag von Schlesier und
Schweikhardt. Druck und Tafeln durch die Elsäs-
sische Druckerei. — Dies Prachtwerk verdient
die höchste Anerkennung sowohl bezüglich des
Textes als auch der mustergiltigen Ausstattung.
Unsere Kunstlitteratur kennt bis jetzt kein Werk,
welches diesen schwierigen Gegenstand so ein-
gehend und sachverständig behandelt. Die Fülle
der Details zeigt, welche Arbeit zu überwinden
war. Gerade die Behandlung der Elsässer Fliesen-
keramik eröffnet einzelne keramik-geschichtlich
ganz neue Gesichtspunkte, namentlich auch in
Bezug auf die sogenannten St. Urban-Backsteine
der Schweiz, die noch in weiteren Kreisen
Beachtung verdienen.

gebranntem Thon, die verschiedenartig
verziert waren, sowohl durch Reliefauf-
lagen als durch eingepresste Conturzeich-
nungen und durch verschiedenartige Glasur,
lässt sich im ganzen Mittelalter in Zimmern
und Sälen nachweisen. Es sind dieselben
Thonplatten, wie sie auch im Kirchenbau so
vielseitige Verwendung fanden. Die ro-
manischen Zierweisen weichen allmählich
den gotischen. Flierauf treten die mehr-
farbigen Glasuren auf, und die Kunst der
Renaissance hält ihren Einzug. Mit ihr
steigt und fällt die Fayence, bis diese, von
Delft in neue Bahnen geleitet, orientalische
Muster, dann die Stile des XVIII. Jahr-
hunderts sich aneignet. Die Neuzeit, die
Zeit der Maschinen, der Dampfkraft und
der mechanischen Vervielfältigung, wird
eingeleitet durch die Einführung der
Farbendrucktechnik bei den Liverpool-
tiles; sie wird abgeschlossen im XIX.
Jahrhundert durch die Erfindung der
Trockenpressung und durch einen gewal-
tigen Aufschwung der Fliesenkeramik.
Das eingehende Studium der alten Stile
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