Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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EIN Weiteres mittel zur FörperuNg

PES KUNSTGEWERBES IN ELSäSS-IQTHRINGEN

Mit unverhohlener Befriedigung ist
die Anregung, für Elsass-Lothringen eine
kunstgewerbliche Zeitschrift erscheinen zu
lassen, auch in den Kreisen fortgeschritte-
ner Handwerksmeister aufgenommen wor-
den. Denn schon seit einer Reihe von Jahren
macht sich in einigen Handwerkszweigen
das Bestreben geltend, auf eine technische,
den ästhetischen Principien entsprechende
Vervollkommung ihrer Erzeugnisse hin-
zuwirken. SchöneErfolge zeigten neuerdings
insbesondere Kunstschlosserei und Kunst-
tischlerei bei Ausstattung bürgerlicher
Wohnhäuser. Auf diesen beiden Gebieten
sind gute kunstgewerbliche Arbeiten aus
den Werkstätten aufstrebender Hand-
werksmeister unseres Landes hervorge-
gangen. Sie bilden ohne Zweifel ein
erfreuliches Zeichen dafür, dass die alte
Handfertigkeit wieder zu Ehren kommt
und das verloren gegangene Gefühl für
die Schönheit der Arbeit auch im Hand-
werk unseres Landes neu erwacht ist.

Der bahnbrechende Einfluss unserer
vollkommen auf der Höhe stehenden kunst-
gewerblichen Bildungsanstalt in Strass-
burg und das anregende Beispiel des
Nachbarlandes Baden lassen sich bei die-
sem Streben nicht verkennen. Noch wird
es aber geraumer Zeit und unverdrossener
Hingabe an die hohe Sache der Kunst-
förderung bedürfen, um auch weiteren
Kreisen unseres Handwerkerstandes und
des Publikums den rechten Sinn für künst-
lerisches Schaffen, für Gediegenheit des
Materials und der Ausführung gewerb-
licher Arbeiten zu wecken und zu beleben.
Hier hat der moderne fabrikmässige
Grossbetrieb mit seinen einförmigen Mas-
senartikeln wüste Verheerungen ange-
richtet. Gar manche Zweige des einst
blühenden Kunstgewerbes sind durch ihn
schwer betroffen worden. Es sei nur an
die durch die Eisenindustrie beinahe zu
Grunde gerichtete Schmiedekunst erinnert.
Der Eisenguss drängte sich in das ganze
Gebiet des Schmiedeeisens ein und nahm
dem Handwerker die Arbeit aus der Hand.

Erst in neuester Zeit zeigen sich wieder
die Anfänge eines Neuauflebens unserer
alten Schmiedekunst, deren Produkte in
Formengebung und Technik, treu im Geiste
der alten Kunst, aus freier Hand geschaf-
fen sind*).

Wenn nuu die vorliegende Zeitschrift
sich zur Aufgabe stellt, durch Vorführung
von Schöpfungen vergangener Zeiten und
früherer Kunststile, sowie durch moderne
Entwürfe zur Wiedererneuerung eines
guten und richtigen Geschmacks beizu-
tragen, so wird diese litterarische Thätig-
keit ohne Zweifel für unsere Kunstindustrie
und unser Kunsthandwerk von unschätz-
barem Werte sein. Sie kann befruchtend
und anregend wirken bei der Ausführung
von Werken der öffentlichen und privaten
Baukunst, sie kann das Interesse für das
Kunstgewerbe in weitere Schichten der
Bevölkerung verpflanzen. Aber die Zeit-
schrift bedarf meines Erachtens einer or-
ganisatorischen Ergänzung: einmal, um ihr
einen festen Abnehmerkreis zu sichern,
andererseits, um ihren Zielen eine prak-
tische Richtung zu geben. Nach dem Vor-
gange anderer Länder würde in dieser
Beziehung die Gründung eines Etsass-
Lothringischen Kunstgewerbevereins anzu-
streben sein. Der Zweck des Vereines wäre
Förderung des einheimischen Kunstge-
werbes. Er soll erreicht werden durch
gemeinsames Vorgehen in allgemeinen
Angelegenheiten, bei Ausstellungen,
gesetzgeberischen Aufgaben und derglei-
chen, durch Raterteilung, Vermittelung
von Adressen, von Entwürfen, durch Ver-
anstaltung von Konkurrenzen und Aus-
stellungen, .durch Abhaltung von regel-
mässigen Versammlungen. Die Mitglieder
zahlen einen Jahresbeitrag. Es wäre die
Beschaffung eines Fonds anzustreben, aus
dessen Zinsen befähigten jüngeren Kunst-
handwerkern des Landes Autträge erteilt

*) Vgl Widmer, Ueber Kunstschlosserei. —
Bad. Gewerbztg. Jahrg. 1899. S. 259.
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