Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Pie Tapete uNp pas flsass

Von Karl BRÜHLER

(FORTSETZUNG

Fragen wir uns, wie es kam, dass die
Tapetenfabrikation im Elsass verhältniss-
mässig so rasch zu Ansehen gelangte, so
müssen wir uns daran erinnern, dass sich
schon ihre Anfänge völlig vertraut zeigen
mit den modernen Anforderungen in der
Technik wie in der Wahl der Dessins.
Die Blumen-Zeichnung und -Malerei war
im Elsass immer energisch betrieben
worden. Im Elsass wusste man schon
sehr frühzeitig feinfühlende Blumenmaler
zum Entwerfen von Tapeten zu ge-
winnen und zwar sehen wir zuerst den
Blumenmaler Malaine Vater im Dienste
der elsässischen Tapetenindustrie thätig.
Es waren einfache Blumenmotive, die ihre
Verwerthung fanden, aber gegenüber den
geschmacklosen Streifen und den das Auge
ermüdenden Ornamenten war ein beachtens-
werther Umschwung angebahnt worden,
der über das Elsass hinaus von Bedeutung
für den Wechsel des Geschmackes wurde.
Man mag über den «grossblumigen Natu-
ralismus », da wo er nicht in Panneaux
und Paravents, überhaupt in bildartigem
Charakter Verwendung findet, denken wie
man will: für die Industrie im Elsass war
er ohne Zweifel eine Quelle neuer An-
regung.

Von der Blumenmalerei kam man aller-
dings im Elsass in der Folge zu der Land-
schaftsmalerei. 1803 bereits sehen wir in
Rixheim den Maler Mongin thätig; er hatte

UND SCHLUSS)

die « Vues de Suisse » (Schweizerland-
schaften) für die Tapetenindustrie mit Ge-
schick gemalt. Es war dies die erste farbige
Landschaft in sechzehn Bahnen, welche in
Tapeten gebracht wurde. Man mag über
die Berechtigung, Landschaften in Tapeten
zu bringen, streiten : jedenfalls bedeutete
der Verkauf in den folgenden Jahren einen
sehr grossen Erfolg, und eine stattliche
Reihe der verschiedensten Landschaften
wurde später nach und nach hergestellt.
Gerade die Rixheimer Tapetenindustrie hat
nach dieser Richtung hin Schule gemacht:
die Ueberzeugung, dass man an den Wän-
den des Salons lieber schöne Bergforma-
tionen und weite Ebenen vor Augen sehen
wollte, als eintönige Muster, wurde durch
die Thatsache einige Jahre wesentlich
bestärkt, dass die Tapete das Bild an der
Wand vertreten sollte, wie ja auch die
gewirkten Tapeten, die Leo X. nach Kartons
von Raffael anfertigen Hess, denselben
Zweck vertraten. Es mag darin ein ästhe-
tischer Grundfehler zu erblicken sein;
jedenfalls begrüssten aber gerade besser
situirte Kreise die Einführung der Tape-
ten-Landschaften als eine willkommene
Neuerung. Die feinere Tapetenmalerei
hatte das landschaftliche Gebiet nicht ohne
Geschick erobert, ja man kann sagen, die
damalige Landschaftsmalerei leistete in
dieser Richtung verhältnissmässig noch
das Beste; die tapetenhaften Landschafts-
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