Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Prof. A. Seder: Ein Dokument deutscher Kunst.

gleichen einer roten Mauer mit darauf-
2'estellten g-rossblühenden Sternblumen.
In diesen geschlossenen Farbentönen sind
nun Thüren, Fenster und Möbel gleich-
farbig eingesetzt. Der Bettraum ist hier
wieder durch einen gestickten Vorhang
vom ganzen Zimmer abgetrennt und bildet
für sich eine geschlossene Composition
unter der Dachschräge.» (Commentar auch
hier überflüssig. Gesamtwirkung besonders
bei Sonnenschein für jedes gesunde
Menschenauge geradezu schädlich!) Folgen
die Dienerzimmer, drei an der Zahl, eines
schöner wie das andere, jedoch im gleichen
Genre. Zum Schlüsse sagt uns der Katalog
über dieses überaus behagliche Heim:
«Wen zur Arbeit oder als Gast das Haus
aufnimmt, der möge stets den Eindruck
gewinnen und behalten, dass es von der
ersten Idee, aus der es entstanden, bis
zum intimsten Detail sich natürlich gibt,
ein Haus zu stillem Arbeiten und frohem
Wohnen, ein Heim für ernstes Leben und
heiteres Lachen zugleich».

Uns aber ist Letzteres bereits ver-
gangen und wandelt uns ein leichtes Ge-
fühl der Seekrankheit an, welches sich
beim Durchwandern der weiteren sechs
Wohnhäuser unserer Stars derart steigert,
dass wir gezwungen sind, so rasch wie
möglich heraus zu kommen. — Was wir
noch weiter in diesen Häusern, die mit
einem verschwenderischen Aufwand von
Mitteln ausgestattet sind, sahen, sind nur
ewige Variationen über das bereits Ge-
sehene. Ein solches Tohu wa Bohu
von unbewussten oder absichtlich gesuchten
Geschmacklosigkeiten und unverdauter
Formenwiedergabe von längst Vorhan-
denem wird man kaum, auf einem so
kleinen Raum zusammengetragen vielleicht
nie wieder, zu Gesicht bekommen. — Aber
selbst ein chinesischer Richter dürfte kaum
im Stande sein, für so viel Selbstüber-
hebung und Eigendünkel eine grausamere
Strafe zu erfinden, als sich diese Genies
damit selbst auflegten: «in solchen
Räumen wohnen zu müssen»! Denn
wer noch kein Narr ist, muss in dieser
Umgebung unbedingt verrückt werden.

Auf die Dauer hält es auch der blasirteste
Mensch in diesen, auch nicht für Ueber-
menschen passenden Wohnungen aus.

Möge uns ein günstiges Geschick
gesund erhalten und vor solcher Kunst
bewahren! — Im höchsten Grad interes-
sant war es, das Publikum in der Aus-
stellung zu beobachten. Lautlos, ohne
Ah! und O!, wie hypnotisiert, jedoch
möglichst rasch wieder aus diesen un-
wohnlichen Häusern heraus gehend, konnte
man sehr deutlich sehen, dass Jeder und
Jede froh war, die Ausstellung hinter sich
zu haben. Kein Wort der Anerkennung,
auch kein Lachen, höchstens ein abwei-
sendes Kopfschütteln, war zu bemerken.

Ganz von selbst drängt sich beim
Durchwandern dieser Bauten die Frage
auf: Welche Menschen passen denn eigent-
lich in diese Räume? Welches Kostüm
passt sich diesem Milieu an? Ist es. die
Reformkleidung unserer Damenwelt? Nein!
Diese kann es nicht sein und wenn sie
auch oft noch so extravagant und ge-
schmacklos ist. Radfahrerkostüme? Auch
nicht, denn diese sind zu praktisch. Was
passt hierein? Nach reiflicher Ueberlegung
kommt uns eine Idee, welche vielleicht die
richtigste sein dürfte.

«Der moderne Clown»! Halb rot,
halb weiss, das Gesicht halb gelb, halb
blau, mit einem grünen Tupfen auf der
gelben und einem roten auf der blauen
Wange und einer violetten Perücke,
schwarzen Glacees, hellblauen Atlasschuhen
mit bordeauxroten Bompen. Alles andere
passt eben nicht in diese Umgebung. Bei
der unheimlich fortschreitenden Lieb-
haberei für dieses so zeitgemässe Kostüm
dürfte die Zeit vielleicht nicht so fern
sein, dass diese, nennen wir das Kind
einmal beim rechten Namen,

« Wiener Gschnasausstellung ! »

ihrem allein richtigen Zweck «Olympisch
deutscher Fastnachtsweihefestspiele» zuge-
führt wird, um somehr, da ja auch schon
das in Tinte getauchte Ueberbrettel-Fest-
spielhaus in der Ausstellung sowie so
vorhanden ist. Ant. Seder.
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