Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

Page: 51
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kgel1900_1901/0064
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
R. Trunk: Die deutsche Wohnungseinrichtung.

5i

Zeit. Die ganze Einrichtung entsprach den
Forderungen des Stils — nur nicht der
Mensch in seinem farblos-nüchternen All-
tagsgewand, für den jene Räume doch ge-
schaffen waren, es sei denn, dass er sie in
Barett und Schlitzwams betreten hätte.

Unsere schnelllebige Zeit mit ihren
grundverschiedenen Lebens- und Existenz-
bedingungen konnte sich aber unmöglich
der Ausdrucksformen vergangener Jahrhun-
derte bedienen; es fehlte also von vorn-
herein dem wiederaufgefrischten Stil die
Lebensfähigkeit. Die Masse des Volkes
konnte sich nicht für Kunstformen be-
geistern, die unter ganz anderen Verhält-
nissen entstanden, eine lange Entwicklungs-
zeit durchgemacht hatten. Die Glanzperiode
deutschen Kunstfleisses, welche mit ihren
Anfängen zurückreicht bis in jene Zeit, in
welcher die Kunst in der stillen Kloster-
zelle allein eine Pflegestätte gefunden,
wurde durch die Bauhütten und künst-
lerisch-handwerkliche Werkstätten weiter-
entwickelt, bis sie allmählig zur Vollendung
gedieh. Die ergiebigste Förderung wurde
ihr zu theil inmitten eines mächtig auf-
blühenden, durch Handel reichgewordenen
Bürgerthums, das besitzesfroh, sich mit
allen Erzeugnissen der Kunst zu umgeben
liebte.

Die Steinarchitektur der Behausung
wurde auf die Wandbekleidung und die
Möbel übertragen und ihnen damit der
Stempel des Dauerhaften und Stabilen
aufgedrückt. Die riesigen Schränke, deren
Front manchmal eine ganze, ins Kleine
übertragene Steinfacade mit breiter Sockel-
parthie, mit Säulen, Gebälk und Giebel
zierte, ihr fester Zusammenbau mit der
Wand bewiesen, dass ihre Besitzer nie mit
raschem Eigenthumswechsel gerechnet
hatten, sondern dass die Wohnung in der-
selben Form und Zusammensetzung ganzen
Generationen zur Heimstätte gedient. Die
Kunst jener Zeit trägt durchweg den
Charakter des selbstständigen Stils, ihre
zahlreich hinterlassenen Werke hätten
unter Umständen in unserer Zeit zu einer
Neubelebung des Stils führen können, aber
dann hätte er den gleichen Werdeprozess

durchmachen, die Charaktereigenschaften
unserer Zeit hätten sich in ihm ausprägen
müssen, er hätte den künstlerischen Aus-
druck unserer gänzlich veränderten Lebens-
lage bilden sollen. Statt dieser natürlichen
Entwicklung wählte man aber den be-
quemen Weg des Kopirens, betrachtete
die überlieferten Formen als Stilevangelium,
dem nichts zugefügt und nichts entzogen
werden dürfe. Die sklavische Nachahmung
ging sogar so weit, dass technische Mängel
der Originale ebenfalls mit nachgebildet
wurden. Die Alten hätten sicher bei ihren
Fenstern auf die augenverwirrenden Butzen-
scheiben verzichtet, wenn ihren Technikern
die Herstellung brauchbaren Tafelglases
gelungen wäre.

Heutzutage ist die grosse Masse des
Volkes auf die Miethwohnung angewiesen
somit häufigem Wechsel des Aufenthalts
unterworfen; sie stellt daher an ihr Mobi-
liar andere Anforderungen — Alles soll
leicht sein, beweglich und zweckmässig für
den Gebrauch und nicht nur zum Schein.
Eine Kunst aber, die nicht im Bedürfniss
des Volkes wurzelt, nicht aus seiner Initia-
tive herausgewachsen ist, hat keinen Bestand
und kann keinen Bestand haben.

{Fortsetzung folgt.)
loading ...