Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Wendel Dietterlin und das alte Strassburger Rathaus.

das Monumentale wie das Originelle der
Dietterlin'schen Entwürfe für die Aus-
führung wirksam zu gestalten. Dieses
Verhältnis kommt auch in der grossen
Metzig zum Ausdruck, wo z. B. die höchst
originellen, verschiedene Schlachttiere
darstellenden Konsolen auf Anregung
Dietterlins entstanden sein dürften.

Schoch bekennt sich dann namentlich
imFriedrichsbau des Heidelberger Schlosses
als ein die Anregungen des Strassburger
Meisters selbständig prüfender und geist-
voll in der Praxis verwertender Schüler
Dietterlins. Und wenn der Strassburger
Schule ein bei weitem grösseres Ver-
ständnis der Antike, als es gemeinhin in
der deutschen Renaissance zu finden ist,
nachgerühmt werden kann, so ist dies nicht
zum geringsten Teile das Verdienst Wendel
Dietterlins. Es ist nicht gerecht, nur seine
gelegentlich allerdings bizarre Auffassung

der antiken Kunst zu betonen; als Kind
seiner Zeit hat er doch soviel historischen
Sinn zur Erforschung der antiken Kunst
bekundet, dass durch ihn sogar ein be-
stimmter Formencanon begründet und eine
ausgesprochene Hochrenaissance einge-
leitet werden konnte. Dass Dietterlin zwei
Bauleute, Schoch und Maurer, die über
ein gediegenes technisches Können, ein
ursprüngliches, schaffendes Vermögen ver-
fügten, für seine architektonischen Com-
positionen begeistern und gewinnen, ihrem
ferneren Wirken dadurch gleichsam die
Bahn vorschreiben, ihren Architekturfor-
men Inhalt, Reichtum und Bildsamkeit ver-
leihen konnte, dieses unleugbare Verdienst
weist Dietterlin, wenn er auch niemals
ausführender Architekt gewesen ist, eine
führende Stellung in der Baugeschichte
der Strassburger Schule, wie überhaupt
der deutschen Renaissance, zu. F. L.
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