Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Höpfner • Die neue Richtung und die Kunstgewerbeschulen.

Lorbeer in Schmiedeeisen.

gibt dies zu denken. Naturgemäss sollte
man doch glauben, dass Specialisten, wie
sie die Kunstgewerbeschulen für die ver-
schiedenen Gebiete der Kunstindustrie
ausbildet, mit Künstlern, die alles Mögliche
machen, erfolgreich coneurrieren könnten,
es müsste doch hier wie überall ein Con-
centrieren der Kraft von Vorteil sein.

Selbstverständlich ist, dass stark-
talentierte Künstler, selbst bei einer
Beteiligung auf vielen Gebieten, mehr
und Besseres leisten als Mindertalentierte
auf kleinem Gebiete; aber selbst bei
Berücksichtigung dieser Thatsache kann
ich nicht glauben, dass unter der Unmasse
von Kunstgewerbetreibenden und Kunst-
gewerbezeichnern für die verschiedenen
Branchen, wie Möbel, Tapeten, Schmuck,
Stoffe, Keramik u. s. w., die meist auf
Kunstgewerbschulen ausgebildet sind,
nicht mehr talentierte Leute sein sollten,
als sich solche in den Veröffentlichungen
bemerkbar machen.

Man kann einwenden, diese Künstler
hätten in ihren Stellungen keine Zeit für
Veröffentlichungen. Dem widerspricht der
menschliche Ehrgeiz, der vereint mit dem
Gefühl des Könnens ein zu starker Faktor
ist und immer bewirken wird, dass der
Betreffende sich wenn es nicht anders
geht soviel Zeit abquält, wie nötig ist,
um von sich reden zu machen.

Dann läge es doch auch im Geschäfts-
interesse der Fabriken und Ateliers,
Abbildungen ihrer Zeichnungen, Entwürfe
und ausgeführte Arbeiten mit den Namen
ihrer Schöpfer in die Oeffentlichkeit zu
bringen. Warum liest man denn unter den
Abbildungen undReproductionen moderner
Erzeugnisse fast immer nur die Namen der
Vertreter einer begrenzten Gemeinde, warum
liest man unter den besten Erzeugnissen
der Möbelbranche, der Teppichfabrikation
u. s. w. immer die gleichen Namen, mit
wenigen Ausnahmen, warum sind dies
alles Namen von Selfmademen, von
Malern oder Bildhauern, die ihre Kraft
dem Kunstgewerbe zugewandt haben,
warum so selten Namen von Künstlern,
die direct von Kunstgewerbeschulen für
das Kunstgewerbe ausgebildet sind, oder
wenn sie dort ausgebildet waren, sich
von dem Gelernten frei gemacht haben,
entgegen der Tradition der Schule? Unsere
Kunstgewerbeschulen sind in einer Zeit
gegründet, in der kaum von einem Kunst-
gewerbe die Rede sein konnte, wenigstens
nicht im heutigen Sinne, auch in milder
Auffassung, denn was unter dem Namen
kunstgewerbliche Erzeugnisse dem Käufer
geboten wurde, waren schlechte Copien,
die nicht ahnen liessen, was für herrliche
Kunstwerke der Kleinkunst von unseren
Vorfahren geschaffen worden waren. Die
Kunstgewerbeschulen, zum Zwecke der
Wiederbelebung der Kunstgewerbe ge-
schaffen, mussten von vorne anfangen,
um etwas erreichen zu können, und es
war erklärlich und vernünftig, dass dies
in Anlehnung an frühere Stilperioden
geschah, denn gerade wie der Anfänger
copieren muss, bevor er componieren und
erfinden kann, so musste auch das
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