Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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R. Trunk: Die deutsche Wohnungseinrichtung

Meistern für Entwurf und Ausführung
fehlt es sicher nicht, es handelt sich nur
darum, dass wir Vertrauen zu ihnen und
ihrem Können haben.

Ein grosses Hinderniss für die Ent-
wicklung der angebahnten Neuerung ist
der Umstand, dass wir mit unserem Haus-
rath auf Miethswohnungen angewiesen
sind, die in ihrer Beschaffenheit — Decke
und Tapeten — alles Andere vorstellen, als
was man von ihnen verlangt; in den sel-
tensten Fällen wird der Eigenthümer den
Wünschen der Miether entsprechen, und
wenn er es je thut, die Wahl der Wand-
bekleidungen der Laune des Tapeziers
überlassen. Ein andres Hindernis aber, das
noch schwerer ins Gewicht fällt und an
dessen Bestehen das Publikum die Schuld
selbst trägt, ist die Möbelhandlung.
Zwischen den Handwerksmeister und den
Laien hat sich der Kaufmann eingedrängt
zum Schaden des Ersteren und nicht zum
Vortheil des Letzteren. Die Eltern, welche
der Braut die Einrichtung beschaffen,
warten gewöhnlich damit bis zum letzten
Termin, suchen beim Möbelhändler und
kaufen, was ihnen halbwegs entspricht;
der schlaue Kaufmann kommt ihrer Bequem-
lichkeit zu Hilfe und liefert Alles, was sie
zur Aussteuer benöthigen, erklärt ihnen,
welche Möbelformen jetzt das « Neueste »
sind und hat mit diesem Zauberwort sofort
gewonnenes Spiel.

Die mütterliche Fürsorge legt bei Be-
schaffung einer Aussteuer mehr Gewicht
auf den Inhalt der Schränke als auf diese
selbst; Alles was in Leinen und anderen
Stoffen beschafft wird, umfasst ebenso-
viel Dutzende als früher Stücke, die
Vorbereitungen hiefür nehmen sehr viel
Zeit und den grössten Teil der aufzu-
wendenden Summe in Anspruch, so dass
aus Mangel an Zeit zum Erwerben der
Möbel nur der Händler mit der fertigen
„Waare"in Betracht kommt. Noch weitere
Bezugsquellen haben uns die wirtschaft-
lichen Verhältnisse unserer Zeit eröffnet,
welche auf den Geschmack derjenigen
Volksklassen, für welche sie berechnet
sind, nachtheilig einwirken müssen. Ge-

meint sind hier diejenigen kaufmännischen
Geschäfte, die Möbel und andere Aus-
stattungsstücke, auch ganze Einrichtungen
ausleihen oder gegen Theilzahlungen dem
Käufer überlassen. Auf die wirhtschaftlichen
Schäden solcher Institute hinzuweisen ist
Sache der Tagespresse.

Das wirksamste Mittel gegen diese
schädigenden Zustände ist ein Zusammen-
schliessen der kunstgewerblichen Hand-
werksmeister zu Vereinen und Genossen-
schaften, welche die Produkte ihres
Fleisses und Könnens als fertige Woh-
nungseinrichtungen, zu kleineren Ausstel-
lungen vereinigt, dem Publikum vor Augen
führen und letzteres davon überzeugen,
dass für jeden Bedarf um mässige Preise
etwas Gediegenes geliefert werden kann,
das nicht allein qualitativ dem Geldauf-
wand entspricht, sondern auch in seinen
Formen einem geläuterten Geschmack
zusagt. Die Kaufkraft unserer niederen
Volksklassen wird vielfach unterschätzt;
bietet man den Leuten für ihr Geld etwas
entsprechendes, so werden sie das Prak-
tischsolide und zugleich Gefällige dem bis
jetzt Gewohnten bald vorziehen. Möge
der Anfang bald gemacht werden.

Zierschränkchen, entworfen von Hugo Höpfner.
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