Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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DIE ARTS AND CRAFTSAUSSTELLUNG

TN LONDON

VON

HARRY GRAF KESSLER

DAS englische Kunstgewerbe steht imRuf,
seit Morris dem kontinentalen irgendwie
vorauszueilen. Die siebente Ausstellung der
Arts and Crafts Society in London bietet jetzt
eine Gelegenheit, diese Ueberzeugung nach-
zuprüfen.

Wenn man aus dem grellen Gewirr und
Wagengedränge von Regentstreet in die
Hallen der New Gallery eintritt, die die Aus-
stellung beherbergen, steht man zuerst einen
Augenblick wie betroffen: so vollkommen
wechselt die Empfindungswelt. Sanfte, feier-
liche Töne überall, Ultramarin, Olivengrün,
klassische Linien, Silber, Emaille und Elfen-
bein wie in einem Kirchenschatz. Das Leben
draussen wirkt dazu wie ein hässlicher, ein
gemeiner Kontrast, den man vergessen muss,
um hier zu geniessen.

Und was man sieht, reizt zum Genuss, nicht
zum Davonlaufen wie bei uns „das Kunst-
gewerbe."

Der Unterschied, der zuerst auffällt, ist,
dass hier fast alles Material edel ist, — nicht
kostbar, sondern edel: d. h. in seinem eigenen
Charakter vollendet durchgebildet und zu
einer Augenweide ausgebildet.

Das Glas von Powell ist das echteste Glas,
das seit den Zeiten Aretins Tafeln geschmückt
hat. Nicht Kristall; denn Glas ist leichter und
flüssiger. Nicht Wasser; denn Glas hat Form
und Biegsamkeit. Aber Etwas, das zwischen
Kristall und Wasser die Mitte hält und dieses
Zwischenreich in Märchenformen wirklich
macht.

Ebenso findet das Silber unter dem feinen
Hammer der Schmiede von Birmingham, von
Keswick, von Gloucestershire seinen Edelsinn.
Deutsches Silber, und auch französisches oder
belgisches, ist blank wie Blech und dumpf
von Form wie Blei. Es wird gepresst, nicht
gehämmert, und dann glatt poliert wie ein
Uniformknopf, oder oxydiert und blind wie

Hl
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