Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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CHRONIK

Die beiden deutschen Bundesfürsten, die in löb-
licher Weise versuchen, die Reizlosigkeit ihres poli-
tischen Daseins mit einem angewandten Kunstliberalis-
mus zu würzen, haben mit ihren Gründungen wenig
Glück. Das frohgemut Begonnene endet immer mit
Ach und Krach, weil die fürstlichen Mäcenate ihren
Unternehmungen innerlich fern stehen. In Dingen der
Kunst genügt nicht guter Wille. Ein Fürst, der die
Urteile nicht aus sich selbst schöpfen kann, wird leicht
fehl greifen und Die, die sich ihm optimistisch anver-
traut haben, zu Schaden bringen.

Die Vorgänge, die in Weimar zum Rücktritt des
Museumsdirektors Graf Kessler geführt haben, liefern
den Beweis. Man stellt sich die Art des Konfliktes falsch
vor, wenn man meint, eine unbesonnene Ultramoder-
nität Kesslers hätte einen „tiefen Unwillen im Volke"
erzeugt, und dieser wäre bei Gelegenheit einer Aus-
stellung von Werken Rodins elementar zum Ausdruck
gekommen. Wäre es so, dann sässen doch die Profes-
soren in Jena, die Rodin so hoch geehrt haben, längst
nicht mehr auf ihren Stühlen. Freilich ist auch in Wei-
mar eine Partei vorhanden, die vor den prachtvollen
Zeichnungen Rodins von Schweinerei zu sprechen den
kläglichen Mut hat. Aber die giebt es in jeder Stadt.

Sie wäre über das Geschrei nicht hinausgekommen,
wenn sie nicht geschickt zur Waffe einer Hofpartei
gemacht worden wäre. Diese hat, in Abwesenheit des
Grossherzogs, die Behauptung aufgestellt, er hätte den
Museumsdirektor zur Annahme der Rodinschen Werke
nicht ermächtigt. Dabei hat ein Kammerherr so lange eine
für Kessler äusserst schädliche Gedächtnisschwäche be-
wiesen, bis ihm die Erinnerung durch einen von ihm selbst
geschriebenen Brief aufgefrischt wurde. AlsKessler weder
formell noch sachlich ins Unrecht zu setzen war, ist dem
Grossherzog ein Bericht gemacht worden, den für falsch
zu halten die Achtung vor dem Fürsten gebietet, weil
dieser mysteriöse Bericht zur Folge hatte, dass die Kon-
statierungen des Museumsleiters und jeder Empfang
glatt abgelehnt wurden. Kessler hat in den vier Jahren
seiner verantwortungsvollen Thätigkeit kein Gehalt
empfangen, ja, es scheint sogar, dass er bedeutende
persönliche Opfer gebracht hat. Trotzdem hat man
ihn ohne Dank gehen lassen; ohne Orden, der doch
sonst für jeden höheren Lakaien sogar bereit liegt. Und
die Hofklique triumphiert hinter dem Abgehenden her
und nennt den Erfolg ihrer persönlichen Interessen einen
Erfolg der künstlerischen Sittlichkeit.

Diese Vorgänge haben die Interessen des deutschen

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