Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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BEGAS

Ins Lebensfinale Reinhold Begas' schleicht sich nun
leise die Tragik, die diesem glücklichen, von vielen Er-
folgen verklärten Erdenwallen so lange fern geblieben
ist. Der Liebling des Hofes, das bewunderte Genie des
Gründergeschlechts, der verehrte Meister einer huma-
nistisch verbildeten Jugend muss nun mit 75 Jahren er-
kennen, dass sein grosses Publikum sich gleichgültig von
ihm zu wenden beginnt. Und die Bitternis dieser Ein-
sicht wird verstärkt, weil ein tieferes Bewusstsein ihm
zuflüstern muss, dass in seinen Werken nicht solche
Werte enthalten sind, dass er der modischen Anerkennung
oder Gleichgültigkeit lachen dürfte. Er hat seinen Ruhm
dahin. Ein lautes Schicksal, wie es ihm geworden ist,
wird nie den Talentlosen und Unwürdigen zuteil, aber
es trifft auch nur selten die ganz grossen Künstler. In
unserer zerspaltenen Zeit niemals. Es ist vielmehr
charakteristisch für die reichen Begabungen, die den
Verlockungen einer leichten Produktionskraft keine
pädagogische Selbstkritik entgegenzusetzen haben, für
die ausserordentlichen Makarttemperamente, die nicht
zu Rubensnaturen werden können.

Begas gehört zum Stamme der Feuerbach. Er ist
einem Künstlertypus zuzuzählen, der in unserer Zeit
ausstirbt oder doch nur noch in genialen Exemplaren
möglich ist. Nur war das eingeborene Talent Begas viel
williger zu Dienst als dem unglücklichen Anselm. Die
Ursache, die Feuerbachs viel geschmähten Werken jetzt,
nach fünfzig Jahren, endlich Anerkennung verschafft,
und die Begas' viel gepriesene Kunst zur selben Stunde
mit Gleichgültigkeit trifft, hängt letzten Endes mit einer
unbewussten Wertung künstlerischer Moral und ethischer
Willenskraft zusammen. Feuerbach war ganz faustisch,
ein Selbstquäler aus innerem Verantwortlichkeitsgefühl;
auf Begas aber lassen sich Mephistos Worte anwenden:
„Denn jung ward ihm der Thron zuteil,
Und ihm beliebt es, falsch zu schliessen:
Es könne wohl zusammengehn,
Und sei recht wünschenswert und schön,
Regieren und zugleich gemessen."
Ihm reifte das Können fast ohne Mühe; er hatte das
Gelingen im Handgelenk. Eine phantasiefrohe, voll-
blütige und saftvolle Natur; aber ganz feminin, durch-
aus empfangend und passiv gebärend und infolgedessen
im Innersten träge. Was ihm nicht von selbst zugefallen
ist, das hat er nie besessen. Ein Prachtmensch anzusehen;
aber auch wieder zu schön, zu dekorativ in seiner
saloppen Künstlervornehmheit. Er sah immer ein wenig
aus, wie ein Eberlein etwa sich das Genie vorstellt. Der
grosse Schwung seines Wesens Hess ihn sich an ge-
waltige Aufgaben wagen; aber er hielt jede Wallung
für ein Diktum und die ersten Gedanken auch für die
besten. Die Selbstzucht grossen Stils fehlte. So ent-

standen Werke, vor denen man mit bewundernder
Geringschätzung steht.

In der Ausstellung, die der Verein Berliner Künstler
in diesen Wochen veranstaltet hatte, sah man viele
halbvergessene Arbeiten dieses Bildhauers, der geboren
ward, ein Idylliker und Porträtist zu sein, und der,
ohne die Spur architektonischen Empfindens, seine Be-
gabung gewaltsam auf die Forderungen einer repräsen-
tativen und monumentalen Denkmalskunst eingestellt
hat. Es war ein bronzener Knabe, eine Brunnenfigur zu
sehen, die Hildebrand so formstreng und zugleich so
sinnlich lebendig nie gelingen wird. Es waren Porträts
da, die nicht weit hinter Rauch zurückstehen; doch dann
wieder andere, bei denen man nur an Anton von Werner
denken kann. Kein Werk fast ist gerundet und ein-
heitlich durchgeführt. Der Vers giebt immer den Sinn,
niemals der Sinn den Vers. Begas sieht die Natur, die
Menschen nur en dimanche; seine Vorstellungswelt kennt
nicht die Relativität.

An den bewährtesten Gesetzen der Plastik hat Begas
sein reiches Talent erzogen; aber er hat diese Gesetze
als Meister dann missachtet. Die Disziplinlosigkeit
dieses viel aufgesuchten Jugendlehrers hat unsere
Skulptur im Tiefsten korrumpiert. Begas ist der Vater
vieler Übel, die in der Siegesallee, vor dem Branden-
burger Thor, am grossen Stern, wo nicht! das Stadtbild
schänden. Der kriegerische, eindrucksvolle Bronzekerl,
der sich auf den Granitstufen des Kaiser Wilhelmdenk-
mals lümmelt, sich aus den Zaubergrenzen eines archi-
tektonischen Raumganzen hinausgewälzt hat, um sein
naturalistisches Dasein ausserhalb aller Gesetzlichkeit
in genialer Bohemelust zu gemessen: er allegorisiert die
Kunst Begas. Doch auch der Kopf des Genius, der das
Ross des altenKaisers führt, worin mit blühenderLiebens-
würdigkeit schönes Leben ausgedrückt worden ist,
symbolisiert die starke und sinnlich weiche Vitalität
dieses im Monumentalen entarteten Charmeurs.

*

Es würde nicht ohne Reiz sein, neben Begas nun
eine Erscheinung wie Klinger zu betrachten, von dem
zugleich Bilder, Skulpturen und Zeichnungen bei Guilitt
ausgestellt waren. Wieder ein Deutsch-Römer. Und
wieder einer von den Erfolgreichen. Bei Begas ein Er-
folg des üppigen Naturells; bei Klinger ein Erfolg des
phantasiestarken Intellekts. Dort ein Liebling der ge-
dankenlosen Genuss Suchenden; hier ein Held der den-
kenden Pädagogen. Aber es wird auch in der Folge
nicht an Gelegenheit zu solchen Vergleichen fehlen.
Denn Erscheinungen, die zur prinzipiellen Auseinander-
setzung auffordern, suchen immer wieder Begeg-
nungen auf.

FÜNFTER JAHRGANG, ZWEITES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 24. OKTOBER. AUSGABE AM ERSTEN NOVEMBER NEUNZEHNHUNDERTSECHS
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN; IN ÖSTERREICH-UNGARN: HUGO HELLER, WIEN L

GEDRUCKT IN DER OFFIZIN VON W. DRUGULIN ZU LEIPZIG. _
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