Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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CHRONIK

In der Denkschrift Bodes über die notwendigen
Erweiterungs- und Neubauten der Museen ist eine
wenig beachtete Anregung gegeben worden, die über
den nächsten Zweck hinaus: das Berliner Museum für
Völkerkunde zu entlasten, Beachtung verdient. Der
Gefahr des Anwachsens der ethnologischen Sammlun-
gen ins Ungemessene will Bode einerseits durch eine
Scheidung in Schau- und Lehrabteilungen begegnen;
als wirksamstes Mittel aber erscheint ihm eine grössere
Berücksichtigung der Provinzialsammlungen auf dem
Gebiete der heimischen Prähistorie und der deutschen
Volkskunde. Er schreibt darüber folgende prinzipiell
wertvollen Sätze:

„Auf die Ausbeutung des Bodens der einzelnen
Provinzen Preussens sollte in Zukunft den öffentlichen
Sammlungen der betreffenden Provinzen das erste An-
recht zustehen, wenn auch unter Teilnahme des Ber-
liner Museums, dem ein Recht auf die Auswahl von
typischen Funden zu belassen wäre. In den Provinzen
haben die dort gefundenen und meist auch entstandenen
Altertümer ihren gegebenen Platz; dort lässt sich auch
der ausreichende Raum zu ihrer Aufstellung finden.
Noch in höherem Grade gilt das gleiche von den
Sammlungen für deutsche Volkskunde: diese sindwirklich
lebensfähig und von wahrer Bedeutung nur in den Pro-
vinzen. Nur dort lässt sich in einem oder in einzelnen

besonders charakteristischen und gut erhaltenen alten
Bauernhäusern und gelegentlich auch in alten städtischen
Bauten von der Kulturentwicklung der betreffenden
Provinz ein geschlossenes, klares Bild geben. Ein grosses
Zentral-Museum in Berlin würde dagegen notwendig
zu einem unübersehbaren Konglomerat der zahlreichen
charakteristischen Bauten der verschiedenen Provinzen
und Landschaften anwachsen; es würde sich darin eine
Überfülle der verschiedensten Trachten, Geräte, Werk-
zeuge u. s. w. zur Darlegung der Entwicklung des Hand-
werks, des Kostüms, des Hausrats, der Verkehrsmittel
u. s. w. aufstapeln, für die schliesslich weder der Raum
noch die Mittel zu beschaffen wären, und deren aus-
reichende Bewachung unmöglich sein würde. Auch
würde eine solche Kolonie von museumsartigen Bauten
innerhalb eines grossen Parkes, in dem sie allein zu
denken wäre, den „Dörfern" und „Städten", wie sie
die letzten Weltausstellungen gezeigt haben, bedenklich
ähnlich werden und auf die Dauer weder die Schaulust
noch gar das wissenschaftliche Interesse des Publikums
fesseln können, was bei der Beschränkung auf die einzelnen
Provinzen sehr wohl möglich ist. Eine Kräftigung und
Vermehrung der provinzialen, städtischen und ähnlichen
Musee n nach dieser Richtung würde diese zugleich auf
ihre Hauptaufgabe und eigentliche Bedeutung verstärkt
hinweisen: auf das intensive Sammeln der Werke der

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