Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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MAX LIEBERMANN

ZU SEINEM SECHZIGSTEN GEBURTSTAG

VON

WILHELM BODE

m 20. Juli tritt Max Lieber-
mann in sein einundsechzigstes
Lebensjahr. Nach dem Volks-
glauben beginnt der Mensch
mit diesem Alter einen neuen,
den letzten Abschnitt seines
Lebens und seiner Thätigkeit.
Wenn wir den Lebenslauf grosser Künstler der
Vergangenheit in Gedanken an uns vorübergehen
lassen, so erscheint die alte Volksanschauung, die
diesen Abschnitt macht, nicht ganz ungerechtfertigt;
die letzte Epoche der Künstler pflegt um das sech-
zigste Jahr zu fallen, und auch wenn ihnen ein
sehr viel höheres Alter beschieden war — wie wir
es unserem Liebermann wünschen —, pflegt die
Richtung ihrer Kunst, die um diese Zeit oder
wenig früher einsetzt, mit wenig Veränderung bis
an ihr Lebensende anzuhalten. Ein solcher Tag im

Leben eines Künstlers ist daher recht geeignet, mit
den wärmsten Glückwünschen zugleich einen Rück-
blick auf die vergangene Zeit zu verbinden, ein
Wort über Bedeutung und Stellung des Künstlers
zu sagen; sein Leben, seine Werke, seine künstle-
rische Entwickelung sind ja heute Jedem bekannt.

Als vor wenigen Monaten der neue Palast der
Akademie der Künste mit einer Ausstellung von
Elitebildern der Mitglieder der Berliner Akademie
eröffnet wurde, ragte unter diesen selbstgewählten
Werken der Meister eines um Haupteslänge über
die andern hinaus: Liebermanns „Netzflickerinnen",
dasselbe Bild, das achtzehn Jahre früher den Clou
der deutschen Abteilung in der pariser Weltaus-
stellung 1889 bildete. Die Stellung, die der
Künstler damals in der Achtung des Auslandes er-
rang, hat ihm langsam und zum Teil widerstrebend
schliesslich auch sein Heimatsland eingeräumt: was

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