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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0106
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—A-e-D

72

Allerlei.

Entschuldigung.
An Gustav Schwab.
(Er hatte die Güte, mir die frischgedruckten Bogen der ersten Ausgabe
seiner Gedichte (1828) auf einige Stunden mit nach Hause zu
geben; die Zurücksendung verzögerte sich bis zum folgenden
Morgen. ^)

O bleibet noch, o wartet noch!
Das lass' ich euch nicht gelten.
„Es ist nun schier halb Fünfe doch,
Der Vater wird uns schelten!«
Ich habe sie auf meinen Schoos
All' nach der Reih' genommen,
Geherzt aufs Neue Klein und Groß,
Die muntern, wie die frommen.
»Wir haben lange Weil' bei dir,
— Fing Eines an zn greinen —>
Hast du nicht unsers Gleichen hier?
Wo sind denn deine Kleinen?«
Ach, Kinderchen, die schlafen noch
Hieneben in der Kammer. —
Sie guckten durch das Schlüsselloch,
Sie schlugen an die Klammer.
Und drinnen rührte sich's znmal
Mit wunderbarem Stöhnen;
Leise begann Gemach und Saal
Nun von Musik zu tönen.
Man unterschied im Zaubersang
Die Deinen und die Meinen,
Sie schienen, wie die Thüre sprang,
Sich lieblich zu vereinen.
Die Meinen hatten aber gar
Noch scheue, fremde Mienen,
Sie standen, Deiner Knabenschaar
Bescheidentlich zu dienen.


Ein deutscher Componist, so Christian Vogel hieß,
Ging, 's ist schon lange her, dereinstens nach Paris,
Um am Theater dort, wo man verstand zu singen,
Sein Werk: Demophoon, wo möglich anzubringen.
Er lief ohn' Unterlaß herum am Seinestrand,
Vom Chordirector an bis zu dem Intendant,
Doch überüberall fand er nur taube Ohren
Und hielt die Oper schon für hin und todtgeboren.

Da fand sich ein Mäcen, ein höchst gewandter Sprecher,
Der rief: Weßhalb! Warum?— »Ach!« hieß es, »dieser
Zecher,
Der sähe danach aus, wie Opern componiren,
Im Weinhaus, ja, da kann der Mann Etwas prästiren.
Die Künstler kamen endlich zur Probe mit Geduld
Und feirten, als sie sahen die Noten auf dem Pult;
Der Componist stand da, seitwärts in den Couliffen,
Erregt von etwas Wein, doch ruhig im Gewissen.
Poch poch! da geht es an, die Töne rauschen auf,
Welch Feuer, welche Kraft in jedem Fingerlauf,
Ein Strom von Harmoniken wogt aus den Instrumenten
Und wälzt sich donnerstürmend fort wie in Urwaldbränden.
Und als der Ouvertüre markvoller Ton verhallt,
Ein Bravo! Bravo! laut aus dem Orchester schallt;
Es neigen sich vor ihm Bassethoru, Bratsche, Gambe,
Doch still, der Meister naht, er steht schon an der Rampe.

Ihr Herren Musici! ries er jetzt mit Ertase,
Man hat auf mich schimpfirt, von wegen hier — dem Glase;
Ich aber frage jezt hier alle Mann für Mann:
Ob man bei Wasser wohl so componiren kann.

Da klang's unisono: »Ach nein, Herr Vogel, nein!«
Daß kräftig stimmte selbst der Lampenputzer ein.
Ein Jeder ward versöhnt, der noch zuvor gestichelt,
Die Oper machte Glück, und —> es ward fort gepichelt.
Theodor Drobisch.


Es bedarf wohl kaum der Andeutung für unsere Leser, daß gegen-
wärtige Phantasie von dem geschäzten Verfasser im Charakter ver Ro-
mantik gehalten ist, zu deren Vertretern in gewissem Sinne auch der
verewigte Dichter gehörte. Anm. d. Redaktion.
 
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