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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0133
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Ermmnmgcn aus der Kindheit.
Von Ludwig Bauer. ")
Mitgctheilt durch Eduard Morike.

Einem Städter thut es wohl, nach längerer Zeit I
wieder einen Tag in recht ländlicher Umfriedung, j
in ganz abgeschiedenem Dorfe hinzubringen, und aus
dem ciuen Tage, der in Rechnung genommen war,
werden leicht zwei und mehrere, versteht sich der
Gastfrcund, bei dem wir cingcsprochen haben, auch
nur erträglich auf das Zurcdeu. Denu was für den
ersten Anblick flach und langweilig schien, tritt bald
mehr hervor und gewinnt Leben. Das köstlich frische
Wasser erinnert an den neuen Brunnen, zu dessen
Ausgrabung man Mühe hatte, im Umkreise von
sechs Stunden einen Sachverständigen aufzutrciben;
der Wein lenkt das Gespräch auf die halsbrechende
Steige, wo beim Herunterfahren das Fast sammt
dem Wagen umgeworfen wurde; ein weiteres Bild
an den Wänden, ein Weinstock, der sich endlich bis
an's Fenster heraufgerankt hat, und so noch viele
Dinge, die man in der Stadt entweder nicht sieht,
oder kaum des Besehens würdigt, geben dort der
Unterhaltung Stoff und Wechsel, und ganz anders
greift man je am zweiten oder dritten Tag nach
der einzigen Zeitung, die zu haben ist, als im Lese-
zimmer nach einem von den zwanzig Blättern, die
in unheimlicher Fülle auf den laugen Tisch gebreitet
sind. Der Städter weiß sich viel damit, daß er so
gcscheidt ist, Alles unter einen Ueber- und Umschlag
zu bringen, und in ein besonderes Fach zu stcckcu.
Landleute sehen nach Kinderart, statt von oben
herunter, an den Dingen hinauf und nehmen die
Begegnisse des ganzen Tages so hin, wie die Witte-
rung, welche man bekanntlich auch in den Städten
nicht vorher weist.
Nun, wenigstens zu einer Gcdankcnfahrt auf
das Land lade ich jeden Leser ein, der, wäre es
auch nur um des thcuren Brodcs willen, des Stadt-
lebens wieder einmal überdrüssig geworden ist, und
kann ihm gewissenhaft versprechen, dast die Schuld
keineswegs an mir liegen wird, falls ihm der Schau-
platz meiner Erzählung nicht abgeschieden und einsam

genug erscheinen sollte. Sind doch die Dörfer, welche
mir hiebei vorschwebeu, sogar von dem welterschüt-
terndcn Kriege um's Jahr 1800 — und eben in diese
Zeit fällt meine Erzählung — höchstens vorübergehend
gestreift worden. Eine Verständigung aber wird
vorher nöthig sein. Für jene Zeit und Gegend
reicht das Staatshandbuch des deutschen Bundes
nicht einmal annäherungsweise aus; sondern daselbst
gränzten damals die Gebiete von sieben Fürsten
mit den reichsunmtttelbaren Besitzungen mehrerer
Edelleute, mit dem Gütcrsprcngel eines reichen Klo-
sters und mit dem Erzstiftc Mainz zusammen, und
zwischen den hohen Grundherren war die Eifersucht
so rege, dast Diebe einzig deswegen nicht aus-
geliefert wurden, weil sic Keiner dem Andern gönnte;
denn jedes Straferkenntniß gab ja dem Nachbar Ge-
legenheit, feiner Hoheitsrechte froh zu werden. Ein
weiterer Umstand ist der: hatte man Jemand sorg-
fältig todtgeschlagen, so dast kein Fünkchen Leben
mehr zu verspüren war, so legte man ihn bis an
die Hüften auf ritterschaftliehes, von da abwärts
auf churmainzisches Gebiet. Der Erzkanzler durch
ganz Deutschland konnte natürlich mit dem Hinter-
stücke nicht vorlieb nehmen, und bis der Streit über
den Leichnam entschieden war, hatte der Mörder
Zeit genug, um ciu halbes Dutzeud Rcichsländcr
zu durchwandern. Hieraus entspringt ein namhafter
Vorthcil für mich. Andere Erzähler beziehen ihre
Räuber und Mordbrenner auf weiten Umwegen und
mit schweren Kosten, und sind die Bestellten endlich
angclaugt, so taugen sie in hundert Fällen Nichts,
klimpern auf der Laute, verlieben sich, üben Groß-
muth, zeigen Tugenden, die wir gar nicht bei ihnen
gesucht hattcu. Ich dagegen darf nur wiuken, so
stürzeu aus dem nächsten Busch etliche Haudfeste
Kerle, die ihrem Beruf Ehre machen, und denen
cs einzig um die Sache zu thun ist, nämlich um
das Stehlen. So drangen während einer Nacht
iws Pfarrhaus desjenigen Dorfes, wohin ich den

"z Geb. zu Orendelsall bei Oehringeu den 15. October 1803, gest. als Professor am Gymnasium zu Stuttgart.
 
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