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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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Bauer, Ludwig: Erinnerungen aus der Kindheit (Schluß)
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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0155
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Erinmnmgrn aus dcr Äiiwhcit.
Von Ludwig Bauer.
Mitgetheilt durch Lduard Mörike.
(Schluß.)

Ein halbes Stündchen weiter nntcn in dem
Thale, an dessen Rand Eleonorens Wohnhaus
steht, wölben sich die benachbarten Berghöhen in schö-
nen Buchenwipscln dergestalt ab, daß der von ihnen
umschlossene Raum eiue runde Halle bildet. Weder
wie der Bach seinen Weg hicher gesunden hat, noch
wo er einen Ausgang gewinnen wird, erräth das
Auge. Ein einziger, schwach betretener Pfad, der
zuweilen im Wald verschwindet, schlängelt sich durch
diese Einsamkeit. Manchmal, wenn lang die Stille
durch Nichts unterbrochen wird, als durch den
Schrei eines Habichts, der hungernd von seinem
Neste im Gebüsche aufsliegt, während dürstende
Rehe sorglos znm Bach herniederstcigen, aus wel-
chem die Sonne so ruhig und feiernd wiederum
scheint, als hätte sie nur diesen einen friedlichen
Grund mit ihrem Lichte zu erhellen, beschleicht den
im Schatten hingcstrecktcn Wanderer in Schwer-
mut!) und Bangigkeit der Zweifel, ob er je wieder
zu menschlichen Wohnungen gelangen werde. Doch
jener Pfad führt zu einem engen, hohen Stege
aus Eichengebälk, um jenseits auf beschwerlichen
Stufen einen baumreichen Hügel zu erklimmen, und
bist du diesen hinangestiegcn, so ragt über den
Lattenzaun ein geräumiges Försterhaus. Bald ist
auch der Hof durchschritten, durch eiue altväterische
Thüre gelangst du iu den dicht ummauerten, küh-
len Oehrn, an dessen Hintcrwand vor Kurzem
noch seltsame Bildnisse, wie man vermuthete,
aus der Zeit des Heidenthums zu seheu waren.
Sofort kommst du mittelst einer langen Treppe
hinauf in das freundliche Wohnzimmer, und zeigt
ssch auch hier durch jedes Fenster immer nur eine
bis zu den Gipfeln der Berge ununterbrochene
Waldlandschaft, so scheint doch in südöstlicher Rich-
tung, über Eleonorens nicht sichtbaren Wohnort
daraußen der fferne Saum eiues Fruchtgeländes
aufzudämmern. Dorthin hatte ein an's Fenster
gelehntes schlankes Mädchen von schwarzem Haar

und blauen Augen ihren schwärmerischen Blick ge-
richtet und fragte die abgckehrte, mit dem Aus-
lesen von Erbsen beschäftigte Base Försterin nach
Gegenden und Ortschaften, die in jener Richtung
lägen; dazwischen aber, wiewohl nur flüchtig, senkte
sic das Köpfchen, um die Waldecke zu erspähen,
von welcher her der Fußpfad in die Wiese taucht.
Plötzlich sprang sie auf die Base zu: „Sie haben
doch keine Zeit, um mitzugehcn, lassen Sie mir
den Packan folgen, der schützt mich hinreichend auf
einem Ausflug durch Wiesen und Gebüsch." Ohne
Antwort abzuwartcn, lockte sie dem Hunde, eilte
den Hügel hinab über den Eichensteg, bog nach
dem Walde ein, und hier, an einer vom Kohlen-
brennen schwarz gewordenen Platte, harrte ihrer
schon der geliebte Karl. „Jst's wahr, Hildegard?"
rief er, in ihre Arme stürzend, „bist du's wirklich?
hab'ich dich wieder? endlich, endlich wieder? nach-
dem ich tausend- und aber tausendmal vergeblich
gewünscht: ach, nur einen Augenblick möcht' ich
bei ihr sein, nur ihre Hand möcht' ich küssen dür-
fen, nur den Saum ihres Kleides sehen! O Hilde-
gard! was alles liegt zwischen jenem Abschied, wo
mir das Herz zerreißen wollte, und dem Augen-
blick, wo du wieder mein bist! welche Berge von
Schwierigkeiten, welche Wüste des Elends, welche
Flügelschläge der Sehnsucht!" Lang ließ sie der
Sturm ihrer Empfindungen nicht zum Worte kom-
men. Endlich sagte sie: „und wie oft, mein Karl,
wie oft glaubt' ich träumend das Meer zu sehen,
das ich in Wirklichkeit nie gesehen habe, auf dem
Meer dem von Wogen gepeitschtes Schiff, auf
dem Verdeck des Schiffes dich, wie du, von Augst
entstellt, einen trostlosen Blick über die Wasscrödc
bcrübersendctcst zu mir, und wenn dieser Blick mich
durchbohrend traf, meinte ich ein Dröhnen und
Knirschen zu vernehmen, und sah ich schaudernd
noch einmal dahin, wo du gewesen und dein Schiff,
so war Alles versunken in Nacht und Graus. Sage,


 
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