Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Moderne Kunst in Wien.

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es nur alt war! Nun, da es etwas zeitgemässer ist,
was dem Wiener Publikum vorgestellt werden soll,
geraten alle braven ehrbaren „Kunsthandwerks-Fabri-
kanten« in helle Wut, in fürchterliche Entrüstung. Ja,
weshalb denn eigentlich? Widerstrebt es ihrem
Patriotismus oder ihrem ästhetischen Gewissen, den
englischen Stil kennen zu lernen und zu verarbeiten?
Das Letztere wird allerdings der Punkt sein, auf
den es ankommt. Man wird jetzt abwarten müssen,
wie weit ein individueller Geschmack und selb-
ständige Empfindung hier vorhanden sind, um die
fremden Einflüsse zu verarbeiten und den lokalen
Gewohnheiten, Bedürfnissen und Liebhabereien an-
zupassen. Verstehen, nicht blind nachahmen, das
wird in Zukunft die Losung sein müssen für das
Wiener Kunstgewerbe. Ist das der Fall, so kann
man den vornehmen, organisch gewachsenen und
hochentwickelten englischen Stil nur herzlich will-
kommen heissen; denn das stark, ins Hintertreffen
geratene einheimische Kunstgewerbe bedurfte dringend
einer Auffrischung, damit die schlummernden Talente
geweckt würden und an die Oberfläche kämen. Zu
solcher energischer Pionierarbeit war wohl keiner hier
besser berufen, als der fleissige und vielerfahrene
Direktor des Österreichischen Museums. Wir haben
solcher Kräfte, die etwas durchsetzen können, nicht
gar allzu viele in Wien! —

Erwähnenswert sind noch einige sehr fein aus-
geführte Zimmereinrichtungen im strengen Sheraton-
Stil, von Bamberger und anderen, sowie einzelne
Sessel und Lehnsessel nach Chippendale und anderen
englischen ' (auch amerikanischen und holländischen)
Mustern, alle sehr praktisch und leicht gearbeitet.

Was die Keramik und Glasarbeit betrifft, so wären
hervorzuheben die Firmen Bakalowitz, Ditmar, Graf
Harrach'sche Fabrik, Lobmeyer, die Tiroler Glasmalerei,
Wahliss und Zsollnay; in Metallarbeiten Gillar, Hollen-
bach, Kellermann, Hardmuth, Arthur Krupp, Georg
Klimt, Navratil, Rubinstein. Auch Künstler, wie
Professor Scharff, Architekt Hammel und der begabte
junge Medailleur Peter Breithut haben ausgestellt.
Leder- und Galanteriewaren werden von O. Förster
ausgezeichnet repräsentiert; es ist die Lederarbeit ja
seit alten Zeiten Wiener Specialität gewesen. Wand-
schirmmalereien lieferten in geschmackvoller Ausführung
die Damen Melanie Münk und Mizzi Chalupek.

Auch so eine Art „Tiffany-Imitation" ist zu sehen.
Freilich, die Originale sind es nicht! Diese sind
übrigens zum Vergleich im Parterre zu studieren.
Der Aussteller ist ein Nordböhme aus Klostermühle,
welcher ganz nette Sachen erzeugt hat, die ihn viel-
leicht mit der Zeit, wenn er fleissig weiter experi-
mentiert und neue Glasbläser arbeiten und probieren
lässt, zu hübschen und ganz verschiedenen Resultaten
führen können, als die echten Tiffany-Erzeugnisse es

sind. Besser einen neuen Pfad allmählich suchen und
finden, als immer das imitieren, was doch in seiner
Art nicht zu erreichen ist. — Recht interessant ist
eine ganze Saaleinrichtung im Maria-Theresia-Stil, eine
exakte Kopie aus dem Schlosse Esterhazy bei Oeden-
burg. Sie ist von der Firma Friedrich Otto Schmidt
ausgeführt, welche auch die Möbel in der Ausstellung
der Secession geliefert hat.

Damit wollen wir den Rundgang durchs Museum
beschliessen und zur Secession hinüberpilgern, deren
weisser kleiner Tempel mit grüngoldig schimmernder
Kuppel schon von weitem uns entgegenleuchtet.

Ich will mich hier nicht erst auf die Architektur
des Gebäudes einlassen. Ich bin kein Fachmann;
nur soviel mag nicht uninteressant sein zu hören: so
oft ich mit Facharchitekten über diesen neuen Bau
und seinen Stil auch schon gesprochen habe, nicht
zwei waren einer Meinung! Das mag als günstig
oder ungünstig für das Gebäude gedeutet werden, wie
man will. Für den, welcher den Zweck und Sinn
dieses Gebäudes erkannt hat, steht es fest: dass es
ein Ausstellungsgebäude für Kunstwerke ist, von zeit-
gemässen, praktischen Einrichtungen und künstlerischen
Gesichtspunkten ausgehend, trefflich in der Anlage
und vor allen Dingen: klein. Es gehen nur wenig
Kunstwerke zur Zeit hinein. Und das allein schon
bedeutet eine Reform im Ausstellungswesen von grosser
Tragweite. Endlich, endlich ein Schritt vorwärts!
Gegen die furchtbaren Riesenstapelplätze mit ihrem
Schaubudencharakter, den die internationalen Aus-
stellungen ins Ungeheure gesteigert hatten, half kein
Reden, kein Klagen, kein Schreiben. Es bedurfte eines
Beispiels, einer That. Diese That hat der Architekt
Olbrich (ein Schüler vom Oberbaurat Otto Wagner)
vollbracht. Das ist das Hauptverdienst und als solches
muss man es würdigen.

Die Lichtverhältnisse sind musterhaft im Innern.
Am Tage der Eröffnung war es draussen so dunkel,
wie nur ein Novembertag dunkel sein kann. Drinnen
durchflutete aber ein mildes, klares Licht alle Räume.
Als ich wieder ins Freie hinaustrat, hatte ich die
Empfindung, „vom Helleren ins Dunklere" zu kommen.
— Vortrefflich sind die Vorrichtungen, betreffend die
Verkleinerung und Vergrösserung der einzelnen Räume;
durch verschiebbare Zwischenwände können dieselben
beliebig gross, lang, schmal, breit, kurz gemacht werden,
je nach Bedarf und je nach dem Charakter der darin
auszustellenden Kunstwerke.

An der Dekoration des Gebäudes von aussen und
innen sind beteiligt die Herren Schimkowitz (Bild-
hauer), Moser (Fassade und Glasbild in der Vorhalle
„Die Kunst") und Adolf Böhm (in vergoldetem Stuck
ausgeführte Lünetten). Die Wanddekoration ist von
Olbrich selbst entworfen, ganz hell gehalten im Haupt-
saal, in den Nebensälen verschiedenfarbig, mattrot,
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