Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

Page: 167
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1899/0092
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
167

Bücherschau. — Kunstblätter. — Nekrologe.

168

heutige „Marciana" nicht mehr ausreichen würde. —
Das Ministerium hat bereits die nötigen Summen fest-
gesetzt. Die hiesige Stadtverwaltung unterstützt das
Unternehmen in jeder Weise. Die Sache ist zur Zeit
in vollem Zuge, und bald hoffe ich berichten zu können,
dass die Vorbereitungen zur Übertragung der Bücher-
sammlung in Angriff genommen sind. Man möge
sich im Auslande beruhigen. Man ist sich der grossen
Verantwortlichkeit hier, einem solchen Gebäude gegen-
über, welches den Stolz Venedigs bildet, vollkommen
bewusst, und nirgends ist die Tradition in baupraktischen
Dingen lebendiger als gerade in Venedig.

A. WOLF.

BÜCHERSCHAU.

Beschreibender Katalog der Gemäldesammlung des
Herzoglich Sachsen-Altenburgischen Museums.

1898. Herausgegeben von Dr. Felix Becker.
Die für die italienische Kunst des 14. und 15. Jahr-
hunderts überaus wichtigen Schätze der kleinen Alten-
burgischen Galerie, welche einer Stiftung des kunstsinnigen
und hochherzigen Baron Bernhard von Lindenau ihre Ent-
stehung verdankt, sind eigentlich erst neuerdings bekannt
geworden — selbst in den Kreisen der Kunsthistoriker.
August Schmarsow gebührt unstreitig das Verdienst, diese
hochbedeutende Sammlung altitalienischer Bilder, die eigent-
lich nur in Italien selbst ihresgleichen findet, der Vergessen-
heit entrissen zu haben. Durch die Veröffentlichung des
Jahrganges 1897 der kunsthistorischen Oesellschaft für photo-
graphische Publikationen, einen kleineren Artikel in der
Gazette des Beaux-Arts (September 1897) und endlich die
„Festschrift zu Ehren des kunsthistorischen Institutes in
Florenz, dargebracht vom kunsthistorischen Institut der
Leipziger Universität" wurde die Aufmerksamkeit der
Fachgenossen auf das Altenburger Museum gelenkt. In
diesen Publikationen hat Schmarsow eine kunsthistorische
Sichtung des gesamten Materials vorgenommen und die
einzelnen Bilder den verschiedenen Schulen und Meistern
zuerteilt. Bei dieser Bearbeitung der Altenburger Galerie
stand Schmarsow eine Reihe älterer Schüler zur Seite, vor
allem Felix Becker, der frühere Assistent des Leipziger kunst-
historischen Institutes, dem auch die Abfassung des uns
vorliegenden soeben erschienenen Kataloges anvertraut wurde.
Dr. Becker hat sich seiner Aufgabe in vorzüglichster Weise
entledigt. Entgegen der Gewohnheit anderer neuer Galerie-
kataloge sind die Bilder hier nicht in der alphabetischen
Reihenfolge ihrer Meisternamen aufgeführt, sondern in
Schulen zusammengefasst. Das hat in diesem Falle seine
Berechtigung, da das gesamte wichtigere Material sich nur
auf einige wenige Schulen verteilt und ausserdem zahlreiche
Bilder nur im allgemeinen einer Schule zuzuweisen sind,
ohne dass ein bestimmter Meister genannt werden kann. Es
tritt durch diese Einteilung in Gruppen besser zu Tage,
worin die Bedeutung der Altenburger Sammlung liegt. Auch
die sehr ausführliche Beschreibung der einzelnen Bilder ist
zu loben und wird besonders dem Forscher willkommen
sein, da in der Litteratur sonst eine eingehendere Schilderung
dieser Gemälde nicht zu finden ist. Von den 191 Original-
gemälden alter Meister, die der Katalog aufzählt, gehören
allein 164 dem 14. und 15. Jahrhundert an. Sie verteilen
sich auf die spätbyzantinische, die florentiner und sieneser
Schule des 14. und 15. Jahrhunderts und auf die umbrische,

oberitalienische und neapolitanische Schule des 15. Jahr-
hunderts. Ein reiches Material für das Studium dieser
interessanten und wichtigen Epoche italienischer Malerei,
gegen das die wenigen italienischen Bilder des 16. und
17. Jahrhunderts, einige Spanier, Altniederländer und Ober-
deutsche gänzlich in den Hintergrund treten. Der zweite
Teil des Kataloges enthält moderne Kopien berühmter
Meisterwerke, Kopien von Künstlerporträts und moderne
Gemälde, die alle wenig Interesse bieten. Erwähnt sei noch,
dass derinderPierer'schen Hofbuchdruckerei gedrucke Katalog
sich durch einen einfachen, aber äusserst geschmackvollen
Einband auszeichnet. u- tu.

KUNSTBLÄTTER.

Wien. — Der Kunstverlag von Gerlach & Schenk in
Wien hat soeben den dritten Band seiner auf zehn Bände
berechneten Publikation der „Handzeichnungen alter Meister
aus der Albertina und anderen Sammlungen" herausgegeben.
Wir können jeden Kunstfreund und Liebhaber auf diese in
technischer Hinsicht bisher unerreicht dastehenden „faksi-
milierten Handschriften" unserer alten Meister (vornehmlich
Dürer und Holbein) nachdrücklichst hinweisen, w. sch.

NEKROLOGE.

f Hanau. — Der am 28. August 1825 in Hanau ge-
borene Historien- und Genremaler Georg Cornicelius ist
daselbst gestorben. Er war in seiner Vaterstadt Schüler
Pelissier's und besuchte dann (1848) die Akademie in Ant-
werpen. Nach Studien in Dresden, München und Ober-
italien Hess er sich in seiner Vaterstadt nieder. In zahlreichen
öffentlichen Galerien befinden sich Gemälde von der Hand
des verstorbenen Künstlers.

f Moskau. — Durch den am 16. Dezember 1898 er-
folgten Tod des Kommerzienrats Pawel Michailowitsch
Tretjakow hat die moderne russische Kunst einen schweren
Verlust erlitten. Der Verstorbene, der ein Alter von 68 Jahren
erreichte, gehörte einer alten Kaufmannsfamilie an und ver-
wendete einen grossen Teil seiner enormen Einkünfte zu
Gunsten der russischen Maler. Als 1892 sein Bruder starb und
seine Kunstschätze der Stadt hinterliess, übergab auch P. M.
Tretjakow seinen gesamten Kunstbesitz nebst dem Galerie-
lokal der Stadt, ein Geschenk, das auf Millionen Rubel
geschätzt wurde. Als Kurator dieser Galerie kaufte er seit-
dem zahlreiche Bilder an und förderte durch Bestellungen
in grossartigster Weise arme Künstler. Alle diese Er-
werbungen trat Tretjakow dann an die Galerie ab.

London. — J. B. Gülich, ein Künstler, dessen Talent
zu bedeutenden Hoffnungen berechtigte, starb hier im noch
nicht vollendeten 33. Lebensjahre. Geboren 1865, und nur
wenige Jahre im Geschäft seines Vaters thätig, begann er
seine eigentliche Laufbahn als Zeichner für die komische
Presse Englands. Bereits mit 22 Jahren hatte er sich in
dieser Richtung einen derartigen Ruf verschafft, dass er zu
den beliebtesten Buchillustratoren gehörte, namentlich aber
auch für den „Graphic", „Black and White" und für die
Kunstfachblätter Entwürfe anfertigte. Der Verstorbene war
Mitglied des Instituts der Aquarellmaler, und hat als solcher
das hier sehr bekannte Bild „The White Carnival-Ball" in
diesem Jahre ausgestellt. In der Königlichen Akademie
stellte er gleichfalls regelmässig aus, und gelten als die besten
Arbeiten von ihm in Schwarz und Weiss: „On Hampstead
Heath" und „After the Bath". Wie der Name anzeigt, war
Gülich deutscher Abkunft. <f
loading ...