Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Der Tag für Denkmalpflege in Düsseldorf

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Um ein Sandsteinbauwerk vor weiterem Verfall
zu schützen, war bis vor wenigen Jahren das Haupt-
mittel: Man verstrich alle Risse und Lücken mit Cement.
Dies hält zwar gut, doch desto schlechter sieht ein
solches Flickwerk aus. Seit einigen Jahren versucht
man nun den Stein dadurch vor dem Verfall zu
schützen, dass man denselben mit einer geeigneten
Flüssigkeit imprägniert. Man hat dazu verwendet
Wachs, Öl, Paraffin, Wasserglas, Testalin und ver-
schiedene andere Silikate. Auch Geheimmittel sind
auf diesem Gebiete in Aufnahme gekommen. Die
königlich sächsische Regierung hat auf Anregung
Gurlitt's Gutachten über die Erfahrungen mit der-
artigen Imprägnierungen gesammelt. Doch die ge-
sammelten Urteile gehen völlig auseinander. Über
eine wirklich brauchbare Imprägnierung geben diese
Urteile keinen sicheren Aufschluss. Ein wirklich be-
währtes Imprägnierungsmittel ist daher trotz aller Ver-
suche noch nicht gefunden. Doch weitere Versuche
sind von der grössten Wichtigkeit. Hoffentlich wird
die reichdotierte »Jubiläumsstiftung der deutschen In-
dustrie« dazu die Mittel zur Verfügung stellen. Aber
auch wenn es gelingen sollte, dem Stein durch Im-
prägnierung eine stärkere Widerstandsfähigkeit gegen
Regen und Frost zu geben, so wird ein Übelstand
dabei wohl immer bleiben: Durch den Überzug mit
derartigen Flüssigkeiten wird die natürliche Farbe des
Steins verändert. Die Adern, welche die Oberfläche
beleben, werden verschleiert. Der Stein bekommt das
gleichförmige tote Aussehen eines unedlen Surrogats.
Besonders die Marmordenkmäler Berlins, an denen
man mit solchen Imprägnierungen seit etwa zwei Jahr-
zehnten experimentiert hat, sind dafür warnende Bei-
spiele.

Es giebt Denkmäler, denen Wind und Wetter von
Jahrhunderten nicht so empfindlich geschadet hat, als
die Imprägnierungen weniger Jahre. Der Konservator
der Kunstdenkmäler Preussens, Geheimer Rat Lutsch-
Berlin, wies daher darauf hin, dass man Abhilfe auf
andere Weise schaffen müsse. Wo es irgend möglich
sei, müsse man die Bildwerke vor Feuchtigkeit schützen.
Störender Baumwuchs sei zu beseitigen, Mauern seien
trocken zu legen, Grabsteine z. B. dürfen nicht hart
an eine feuchte Mauer gestellt werden. Auch die
Bodenfeuchtigkeit müsse davon fern gehalten werden,
z. B. durch Aufstellung der Steine auf einen besonderen
Sockel. Wenn der Verfall der Steine so gross ge-
worden ist, dass das Bauwerk einzustürzen droht, so
muss man sich dazu entschliessen, den ganzen Bau-
teil abzutragen und mit Benutzung der brauchbaren
alten Steine wieder aufzubauen. Dies hat Oberbaurat
Hoff mann am Dom zu Worms mit Pietät und Ge-
schick durchgeführt und dadurch den herrlichen West-
chor des Doms vor dem sicheren Einsturz gerettet.

Auf die bisherigen Mittel zur Erhaltung der
Skulpturen ging Professor Borrmann-Berlin ein. Nach
seinen technischen Erfahrungen sieht er keinen anderen
Ausweg als den: Man müsse die Skulpturen vom Orte
der Gefahr entfernen und unter Dach an eine geschützte
Stelle bringen. Diese Frage sei die dringendste von
allen Fragen, welche die Erhaltungen der Denkmäler

betreffen. Als Lord Elgin vor hundert Jahren die
Marmorbildwerke vom Parthenon herunterholte, hat
man dies als Barbarei verurteilt. Heute dagegen ist
man zu der Überzeugung gekommen, dass Lord Elgin
thatsächlich der Erretter der Parthenon-Skulpturen ge-
wesen ist. So ist es auch mit Freuden zu begrüssen,
dass man sich jetzt an der Liebfrauenkirche in Trier
dazu entschlossen hat, die Figuren in das Innere
der Kirche zu bringen. Anders geht man bei der
goldenen Pforte in Freiburg zu Werke. Dort soll
demnächst über den gefährdeten Skulpturen eine
schützende Vorhalle errichtet werden. Kleine hölzerne
Schutzdächer werden sich vielfach am Äussern der
Kirchen über den Figuren anbringen lassen, ohne dass
das Bauwerk dadurch ernstlich entstellt wird. Auch
die Beschmutzung durch Vögel, welche gern in den
Skulpturen der Portale ihre Nester bauen, schädigt
die Skulpturen. An einem Bauwerk wie dem Augs-
burger Dom sind dadurch die Portalskulpturen in ge-
radezu widerlicher Weise beschmutzt. In solchen
Fällen giebt es keinen anderen Ausweg als den: Man
muss die Originale in das Innere der Kirche bringen.
Bei der Nürnberger Sebalduskirche hat man dies mit
Takt und Umsicht gethan. Beim Strassburger Münster
wird man sich jetzt endlich dazu entschliessen müssen,
wenn die Verheerung einer Anzahl der herrlichsten
Bildwerke des deutschen Mittelalters nicht immer
weiter schreiten soll. An Stelle der Originalskulpturen
soll man in solchen Fällen gute aus Sandstein ge-
meisselte Kopien am Äussern der Kirchen anbringen.
An den Originalen dagegen soll man nichts ergänzen
und vor allen Dingen nicht die schadhaft gewordene
Oberfläche abkratzen. Um die Kirchenvorstände daran
zu verhindern, Bildwerke an die Antiquitätenhändler
zu verkaufen, muss in jeder Kirche ein amtlich unter-
schriebenes Inventar geführt werden. Diese Inventare
müssen von Zeit zu Zeit revidiert werden.

Nach eingehenden Debatten über diese Fragen
wurden auf Vorschlag des Geheimrats Lutsch die
Professoren Gurlitt, Rathgen-Berlin, die Architekten
Oberbaurat Hoff mann und Dombaumeister Arntz, sowie
der Steinmetzmeister Rasche-Berlin in eine Kommission
gewählt, welche bis zum nächstjährigen Tage für
Denkmalpflege Erfahrungen über die Imprägnierung
der Skulpturen sammeln sollen.

Aus dem übrigen Teil der zweitägigen Verhand-
lungen sei noch folgendes hervorgehoben: Der Archi-
tekt Bodo Ebhardt, der Restaurator der Hohen Königs-
burg, wies darauf hin, dass es im wissenschaftlichen
Interesse dringend wünschenswert sei, bei allen Wieder-
herstellungsbauten die neuen Steine durch ein einge-
meisseltes Stein metzzeichen oder durch eine Jahreszahl
als neue Ergänzungen kenntlich zu machen. Mehrere
Redner traten lebhaft für diesen Vorschlag ein. In-
dessen wies Geheimer Baurat Hossfeld-Berlin nach,
dass solche Zeichen nur bei Bauwerken aus Hausteinen
möglich seien. Bei Ziegelbauten seien ähnliche Zeichen,
Jahreszahlen oder Ziegelstempel nicht anzuwenden.
Da müsse man an dem Bauwerk eine möglichst aus-
führliche Inschrifttafel anbringen, aus welcher klar er-
sichtlich sei, welche Teile des Bauwerks ergänzt wären.
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