Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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125 Düsseldorfer Brief — Agnes Dürerin und ihre Stipendien-Stiftung 126

Laden der künstlerischen Erziehung des Publikums,
das durch kein Durcheinander von Gutem, Mittel-
massigem und Schlechtem verwirrt, für seine Ge-
schmacksbildung sichere Halt- und Richtpunkte ge-
winnt. —

Auch auf dem Gebiete der künstlerischen Erzieh-
ung des Kindes ist eine erfreuliche Thatsache zu ver-
zeichnen. Die Anregungen des Dresdner Kunster-
ziehungstages sind an Nürnberg nicht spurlos vorüber
gegangen. Dank der Initiative der Frau Baurat Höhn,
einer Tochter des Geheimrats Otzen in Berlin, hat
der jüngst eingeweihte Neubau des Lohmann'sehen
Töchterinstituts eine künstlerische Ausstattung erhalten,
die in jeder Hinsicht dazu angethan ist, die künst-
lerische Sinnesbildung der Mädchen im günstigsten
Sinne zu beeinflussen. Schon die Front des Ge-
bäudes mit seinem gelblichen Rauhverputz, den glatten
weissen Fensterumrahmungen und den roten Fenster-
kreuzen ist von wohlthuender Frische und einen
freundlichen Anstrich hat auch das Treppenhaus, von
dessen hellen Wänden sich das blaue und rote Gitter-
werk wirkungsvoll abhebt. Von Epheu umrankt be-
grüsst den Eintretenden Michelangelo's Florentiner
Madonnenrundrelief, während an den Wänden des
Treppenhauses und der oberen Podeste eingerahmt
die grossen Künstlersteinzeichnungen prangen. Sinnige
Sprüche, geschmackvoll mit Behrensschrift geschrieben,
sind hier wie in den einzelnen Klassen auf die Wände
gemalt. Rot ist das Holzwerk der Korridore, wäh-
rend es in den Klassen bei gelblichem Anstrich der
Wände kräftig blau gehalten ist. Geschmackvoll
verteilt, meist in dreiteiligen Rahmen vereinigt, er-
scheinen an den Klassenwänden Holzschnitte von
Dürer und Richter und andere Werke deutscher Kunst,
darunter Uhde's »Lasset die Kindlein zu mir kommen«.
Dazwischen steht in jeder Klasse auf rotgebeiztem
Wandbrett ein grünglasierter grosser Krug, den jede
Woche die Ordnungsaufseherin mit einem zeitge-
mässen Blumen- und Pflanzenschmuck zu füllen hat.
Die Mittel dazu erhalten die Kinder aus einem be-
sonderen, für diesen Zweck angelegten Fonds. Die
Klassen machen durchweg einen harmonischen Ein-
druck. Er wird von den Schülerinnen auf das wohl-
thuendste empfunden und sicherlich noch lange nach-
wirken, wenn die Schule schon längst ausser Sicht ist.

PAUL JOHANNES REE.

DÜSSELDORFER BRIEF

Es ist still hier. Unsere Stadt, bis vor wenig Wochen
der Tummelplatz Europas, ist wieder in ihr stilles Residenz-
stadtleben zurückgetreten, und die Wogen der aufgeregten
See haben sich geglättet.

Beschauliche Ruhe und Sammlung sind willkommen,
hatte doch ein jeder sich mannigfachen Besuchs zu erfreuen,
und diente doch die Stadt als glänzendes Vorbild der
Gastfreundschaft.

Der Beschluss, im Jahre 1904 eine grosse deutsche
Kunstausstellung mit Hinzuziehung des »Auslandes« zu
machen, ist gefasst. Ob Düsseldorf so weit gefestigt ist,
dass es den Fehler Münchens vermeiden, d. h. den
Lockungen fremder Kunst widerstehen, von ihr lernen,
aber sich nicht unterkriegen lassen wird, muss sich zeigen.

Nach Bierphilisterart hierüber maulfechten, ist Luxus.

Sehen wir dem Kommenden entgegen und hoffen und
arbeiten wir.

Es ist still auch in den Ausstellungen. Die Bilder
aus den Schwesterkunststädten, die bei Schulte auf-
tauchen, zu schildern, wäre müssig, da sie Ihnen von
Berlin bekannt sein werden. Ausser Sehmurr, einem
hiesigen Akademiker, der seinem ganzen Ton, der vor-
nehmen Auffassung nach ein Schüler von Klaus Meyer
zu sein scheint, ist nichts Aufregendes dort. Und auch
hier, bei einem Meisterschülei, müssen wir abwarten,
wie er sich entwickelt, wenn er auf eigenen Füssen steht.
Das andere ist bis dahin nicht zu übersehen.

In der städtischen Galerie ist man mit vielem Bemühen
dabei, auf der Wand alle möglichen Nuancen von Ochsen-
blutfarbe zu probieren. Schade darum: diese Mischung
von Ochsenblut und Osterei, vielleicht noch stumpfer, wird
den teilweise sehr guten Bildern, die neu hinzugekommen
sind, nicht angenehmer zu Gesichte stehen, als den uns
bekannten.

Warum nicht den hellen, molligen Ton von Berlin,
Bellevuestrasse Nr. 3, oder den warmen roten Ton bei
Schulte? Hier flutet dem Eintretenden warmes wohliges
Licht entgegen, hüllt ihn ein in Feststimmung. Dort
versäuft die Wand und die Bilder mit ihr. Da giebt's
gar keine Rettung.

Dieser Fehler ist fast so schlimm als der, den man
unten in der »permanenten Ausstellung« gemacht hat.
Als Rampe farbiger Marmor von einer Süsse des Tones,
einer Körperlosigkeit, einer Poliertheit, die jeden Glanz-
stiefel widerspiegelt, dass man meinen sollte, ein ganz
geheimer, aber sehr bösartiger Feind der Düsseldorfer
Kunst habe hier bei der Auswahl den Ausschlag gegeben.
Jede eben oberflächlich übergebeizte Bretterwand wäre
hiergegen bei weitem vorzuziehen. Als Hintergrund
für Würste und Schwartenmagen in einem unserer vor-
nehmen Metzgerläden, Döring, Theegarten u. s. w., sehen
wir diesen Ton gerne, überali, nur nicht da, wo ein mög-
lichst indifferenter, undurchsichtiger Ton am Platze wäre.

Düsseldorf ist als ausstellende Kunststadt noch ein
Emporkömmling, tappt noch oft daneben. Auch das wird

j sich geben. Es wird lernen, schneller als manche glauben.

I Es wird es fertig bringen, weil es hier noch eine frische,
junge, nicht beachtete und noch nicht allen möglichen
Stilen und Vorbildern nachjagende Kunst giebt. Diese
wird gute Bilder malen, und das andere, das Ausstel-
lungen Inscenieren, wird dann Kinderspiel sein.

D. it. r. c. h.

AGNES DÜRERIN UND IHRE STIPENDIEN-
STIFTUNG
Von Albert Gümbel, Nürnberg
Seit Thausing in seinem Aufsatz: Dürer's Haus-
frau, ein kritischer Beitrag zur Biographie des Künstlers
i in der >Zeitschrift für bildende Kunst Band IV, 186g,
und dann in seiner berühmten Lebensbeschreibung
Dürer's (Bd. I, 2. Aufl. pag. 131 ff.) in dem Kapitel
j Heirat und Hausstand' Frau Agnes gegen die ge-
hässigen Vorwürfe Willibald Pirkheimer's in dem
vielberufenen Konzept eines Briefes an den Wiener
Baumeister TscherteJ) verteidigt hat und uns an Stelle

1) Lochner, der den Brief aus dem Originalkonzept auf
der Nürnberger Stadtbibliothek abdruckt (Repert. für Kunst-
j Wissenschaft, Bd. 2 (1879), Seite 35, schliesst sich Thausing's
I Ausführungen vollständig an, indem er bemerkt, dass »man
vom Geist des Widerspruchs in höchster Potenz erfüllt
\ sein muss, um sich seinen (Thausing's) Beweisen noch zu
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