Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Die Ausstellung der Berliner Secession

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ihrer Mischung aus Cynismus und Mitleid, aus
sozialkritischem Hohn und dekadent-weltmännischem
Raffinement von kolossaler Kraft des Ausdrucks, zu-
gleich aber auch Erzeugnisse des exquisitesten male-
rischen Geschmacks sind. Stärker freilich noch packen
im Nebensaale die fünf erlesenen Manets, eine kleine
Schar von Meisterstückchen des grossen Impressio-
nisten, wie man sie selten nebeneinander gesehen
hat: zwei Gartenblicke von wunderbarer Malerei der
wehenden Luft und des verteilten Sonnenlichts, eine
Dampferfahrt« und zwei Stillleben, ein heller Flieder-
strauss (gegen dunklen Hintergrund) und ein Spargel-
bündel, von unerhörter und unvergleichlicher Zartheit
in den koloristischen Accorden. Pissarro's pointil-
lierende Bauerninterieurs können sich in der Malerei
trotz der grossen Schönheiten, die sie bergen, mit
diesen Manets nicht entfernt messen.

Neben den Franzosen sind ein paar Holländer
erschienen. Jozef Israels, das Ehrenmitglied der Se-
cession, darf nicht fehlen; man sieht von ihm einige
seiner neuesten Arbeiten, darunter das grosse Bild der
»Bootarbeiter«, die am Flussrand ihre Pflicht thun,
während der Blick über sie hinweg zu der im Dunst
verschwimmenden Silhouette der Stadt schweift. Isaak
Israels, der sonst so selbständig auftritt, hat diesmal
ein paar Arbeiten geschickt, die sich eng an Breitner
anlehnen, ja, diese Anlehnung schon an die Grenze
der Nachahmung treiben. Jan Veth ist durch einige
Bildnisse in seiner bekannten altmeisterlichen Korrekt-
heit vertreten, die lebhaft interessieren, aber doch auf
die Dauer nicht recht erwärmen. Von Belgiern findet
man Claus mit einigen seiner zarten Sonnenbilder
und van Gogh mit einer »Dorfstrasse«, in der dieser
sonst so bizarre Impressionisten-Vorkämpfer einmal
ganz verständlich und geniessbar ist. Eine Über-
raschung der Ausstellung sollen diesmal die Russen
sein. Die Bilder sind jedoch zum Teil noch nicht
erschienen, von Somoff, Seroff und anderen werden
noch Arbeiten erwartet; aber J. Maljavlne's grosses
Gemälde »Das Lachen«, das bereits 1900 in Paris
einen starken Erfolg davongetragen hat, ist schon da:
Fünf lebensgrosse kräftige Bauernweiber, die in flattern-
den roten Gewändern auf einem Stoppelfelde stehen
und mit breiten Mündern und blendend weissen
Zähnen aus dem Rahmen herauslachen, dass niemand
widerstehen kann, ein Erzeugnis unverfälschter bar-
barischer Gesundheit, mit breitem Pinsel wild hin-
gehauen, ein Stück blutvollsten, pochenden Lebens.
Aus der Schweiz ist Hodler, aus dem Norden Kroyer
und Thaulor mit ein paar glänzenden kleinen Arbeiten
gekommen.

Die ausserberlinischen Deutschen stehen diesmal
zurück. Zwar ganz ist München doch nicht aus-
geblieben. Sehlingen kam mit ein paar ausgezeich-
neten Bildern aus der »Lebewelt« von pikantem Effekt
und virtuoser Malerei, einer »Theaterloge«, die in
ihrem braunen Grundton allerdings etwas flau erscheint,
und einer Scene »Am Spieltisch«, einer technisch
glänzenden Leistung und als Sittenschilderung an
Hogarth heranreichend. Dann Strathmann mit drei der
schönsten Arbeiten in seinem eigensinnigen Mosaik-

stil, den er so souverän handhabt und der trotz aller
Kleinlichkeit so gross und malerisch wirken kann;
merkwürdig, wie diese »Kleopatra«, diese »Kraniche
des Ibikus«, diese Musikanten im Schneegestöber in
ihrer grotesken Lustigkeit einen heimlichen tragischen
Zug bergen. Die Münchner Künstler der »Scholle«
kommen in der anspruchsvollen Umgebung der
Seecssionsausstellung nicht recht zur Geltung. Am
besten halten sich Robert Welse mit seinen Porträts
und F. W. Voigt mit seiner derben Volksfestscene.
Doch Bechler, Eichler, Fritz Erler, Erler-Samaden und
Georgi hätten vielleicht andere Arbeiten senden können,
bei denen die zum Dekorativen neigende Vereinfachung,
die sie lieben, auf kräftigerer malerischer Grundlage
ruht. Mir ist, als hätte ich von ihnen allen schon
Bilder gesehen, in denen diese Bedingung eher erfüllt
war als in den jetzt ausgestellten. Von den andern
deutschen Gemälden seien nur noch zwei von Thoma,
eine »Landschaft mit allegorischer Figur« und eine
Ackerscene, die aber beide nicht zu des Meisters
grossen Thaten gezählt werden können, und zwei feine
Bildchen von August Neven-Dumont hervorgehoben.

Die Plastik beschränkt sich in diesem Jahre auf
etwa fünfzehn Nummern, aber diese bilden eine kleine
Eliteversammlung moderner Skulpturen. Von Meunier,
von Gaul, Nikolaus Friedrich, Max Levi und Heising
sieht man neue Bronzen, von Stanislaus Cauer die
Marmorstatue eines nackten jungen Mädchens in der
Art des neuklassizistischen römischen Kreises. Der
Belgier George Minne, das enfant terrible der modernen
Bildhauerkunst, hat sein Grabmonument der Familie
Rodenbach geschickt, eine merkwürdige Mischung aus
geheimnisvoller Bizarrerie und tiefer Empfindung:
eine sich aufrichtende, träumerisch-sinnend vor sich
blickende weibliche Gestalt, die in den herben
Minneschen Linien und ihren halb architektonischen
Formen wie eine seltsame moderne Sphinx er-
scheint. Aus Rodin's Werkstatt sind zwei Marmor-
werke von hoher Schönheit da: eine in Berlin noch
unbekannte Fassung seines öfter behandelten Motivs
»Mond und Erde« und eine herrliche Komposition
»Die Hand Gottes«, die sich in gewaltiger Grösse
aus einem unbehauenen Block herausstreckt und ein
paar wunderbar modellierte kleine Menschenleiber
zwischen ihren mächtigen Fingern spielen lässt. Fritz
Wunsch aber trägt mit seiner »Salome« die Ehren
der Skulpturabteilung davon. Er hat sie als ein üppiges
nacktes Weib dargestellt; nur die Beine sind unter
dem Schoss von einem durchsichtigen Gewände
halb verhüllt, das die wollüstig-weichen Glieder des
verführerischen Leibes nur noch berückender hervor-
treten lässt. Den Kopf mit dem weichen, plastisch
sehr schön behandelten Haar hat sie auf die linke
Hand gestützt und der Blick ist auf den Boden ge-
heftet. In dem gleissnerischen Fluss dieses sich
biegenden und neigenden Schlangenleibes lebt eine
zitternde Sinnlichkeit, in diesen Nasenflügeln und diesem
gierigen Munde lauern perverse Gelüste und verhaltene
Wünsche. Das Ganze ist ein Werk aus einem Guss,
von vollendeter Beherrschung und reifster bild-
hauerischer Verarbeitung der Form.
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