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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 24,3.1911

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https://doi.org/10.11588/diglit.9032#0356
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Iahrg. 24

Erstes Iuniheft 1911

Heft 17

Der Schrei nach dem Genie

>^^ooft sich die Frage erhebt, ob die Frau dem Manne gleichbefähigt
t^^)sei, bringen die Gegner der Frauenbewegung als Hauptgrund
^^die Behauptung vor, es habe noch nie ein weibliches Genie ge-
geben. Sie geben zu, daß die Frau in den meisten Berufen den
Durchschnitt der männlichen Leistung erreicht, ja daß sie ihn in man-
chen sogar übersteigt, aber sie bekämpfen trotzdem die weibliche Arbeits-
freiheit, denn „noch nie war die Begabung einer Frau wirklich genial,
noch nie hat ihre Arbeit den Gang der Geschichte, die Entwicklung der
Kunst von Grund auf abgewandelt".

Es mag sein, daß sie darin recht haben. Äber dieGründe sprechen
sie freilich nicht. Sie sprechen auch nur von dem Bußeren, und sie
sprechen nur von jenen Lebensgebieten, welche unmittelbar ins Auge
fallen. Aber ich will nicht mit ihnen rechten. Denn die Frage, ob
es Genies unter den Frauen gibt, ja selbst die Frage, ob es Genies
unter den Frauen geben wird, interessiert mich nicht im geringsten.
Der alte Auerbach hat einmal das kluge Wort ausgesprochen, er möchte
der Welt für fünfzig Iahre den Gebrauch des Superlativs verbieten.
Ich habe einen ähnlichen Wunsch, ich möchte, daß das soviel miß-
brauchte Wort „Genie" für fünfzig Iahre aus der Welt verschwände.
Sie wäre nach Ablauf dieser Zeit verständiger, stiller und wahrer.
Diesen Wunsch hat nicht Philisterhaß gegen das Große in mir erzeugt,
sondern er ist aus der tiefsten Liebe für das Große geboren.

Besonders bei der Frau hat der Schrei nach dem Genie schon viel
Anheil angerichtet. Ihrer geistigen Entwicklung stellen sich ohnedies
bedeutende Hindernisse in den Weg. Gewiß, sie darf heutzutage so
ziemlich alles studieren, was der Mann studieren darf; sie darf auch
so ziemlich alles arbeiten, was der Mann arbeiten darf. Was ihr
aber am notwendigsten wäre, das hat sie noch immer nicht: eine
Normalstellung statt einer Ausnahmestellung. Kein
Mensch kann sich seiner Natur gemäß entwickeln, dessen Entwicklung
vor einem Auditorium vor sich geht; kein Mensch kann sich den Dingen
vollkommen hingeben, der weiß, daß die Art und der Grad seiner Hin-
gabe in jedem Augenblick konstatiert, kontrolliert und registriert wird.
Die Frau steht unter einem Glassturz, den Blicken zahlloser Beobachter
preisgegeben — und ihr wundert euch, daß sie der Pose nicht entraten
kann, daß ihr Blick beständig von ihrer Arbeit abirrt und sich zu den
Zuschauern wendet?

Diese Ausnahmestellung ist in der Entwicklung begründet und kann
sich darum nicht von heute auf morgen ändern. Was sich aber ändern
kann, das ist das Verlangen nach weiblichen Genies und die Ansicht,
daß die Frau erst durch Genialität ihr Recht auf geistige Arbeit be-
wiesen habe. Denn dieses Verlangen ist imstande, die Entwicklung des
weiblichen Geistes um Iahrzehnte, ja vielleicht um Generationen zu-
rückzuwerfen. Suggestibel, wie die Frau ihrer ganzen Beschaffenheit

l- Iuniheft t9ll

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