Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Am schwarzen Tage

der Antwort der Entente wissen wir es: der Tag, an dem der
ifünfjährige Weltkrieg sein Scheinende findet, wird bald als der
^ ^schwarze Tag der europäischen Geschichte gelten. Vielleicht der Welt-
geschichte, keinesfalls aber der deutschen allein. Denn hier war noch ein
anderes Parteien-Paar im Ringen, als „Entente" und „Mittelmächte".
Die Partei der Alten war in allen Ländern da, die der im Kapital-
interesse Massenpsychose machenden Ausbeuter- und Betrugs-Geheimpoli-
tiker des Gestern. Und in allen Ländern gegen sie die Partei der Iungen,
der Politiker des Morgen. Auch in Frankreich, England, Amerika und
Italien haben Hunderttausende dahin gewollt und dahin gearbeitet, daß
nach den Rauschorgien des Hasses und des Mordens die nüchterne Sittlich-
keit und anstatt des Wahnsinns die besonnene Vernunft zu Orduern der
Menschengeschicke würden. Sie alle sind unterlegen. Wir sind unterlegen,
wir Deutschen, Franzosen, Engländer, die wir Vorbereiter dcr Zukunft sein
wollten. Wir sind Leidensgenossen auch dann, wenn wir gegeneinander ge-
kämpft haben. Ia, wir sind Leidensgenossen selbst dort, wo wir uns etwa noch
heutigentags für Feinde halten und ahnungslos jubeln sollten: „Wir haben
gesiegt!" Keiner hat gesiegt, dem die Vernunft mehr als der Wahnsinn gilt.

Schwarz ist der Tag, schwarz wie Nacht. Aber das ist das Schicksals-
große: daß er Licht für die Welt gebären muß. Wodurch siegt die List,
als weil sie sich vor der Welt als Wahrheit gibt; wodurch siegt der Wahn,
als weil er vor der Welt als Vernunft gilt; wodurch die Gewalt, als weil
sie glauben macht, sie sei die Vollzieherin des Rechts? Wodurch in unserm
Falle siegte die Niedrigkeit, als weil sie vor vierzehn flammenden Leuchten
zu unseru Idealen rief, den euren, Mitstrebende in Deutschland, und ebenso
den euren, Mitstrebende unter den Feinden! Das ist die Demütigung
des Gemeinen, daß es sich verleugnen muß, um zur Macht zu kommen.
dat es aber die Macht, so muß es sie ja benutzen in seinem, in des
Gemeinen Sinn — und so sich enthüllen. Eben mit seinem Triumphe
selbst beginnt seine Trennung von der Macht. Von jetzt ab tritt die
Wirklichkeit der Tatsachen bei allen Völkern der Erde aus den Nebeln
heraus, zunächst ganz langsam, so langsam vielleicht wie das Wachsen
des Lichts in der „heiligen Nacht", aber Tag für Tag — es kann gar
nicht anders kommen.

Wir Mitdeutschen, wir zunächst müssen uns aneinander reihen. Kein

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t- Iuliheft 1919 (XXXII, 19)
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