Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Wenn wirklich nationale Macht in dem Sinne, in dem sie in den
westeuropäischen Staaten verstanden wird und von unsern Alldeutschen
gelehrt wurde, das höchste Gut eines Volkes wäre, so hätte man,
nur rein politisch, also macchiavellistisch betrachtet, vielleicht vor der hasz-
predigt nicht zurückscheuen dürfen. Wie stünde es dann? Wir müßten
uns heute sagen: diese Predigt hat versagt, soweit sie unternommen wurde,
unser Volk hat sie in seiner großen Mehrheit nicht nur mit Leidenschaft
abgelehnt, sondern es hat sich durch sie sogar gegensätzlich beeinflussen
lassen. Selbst unter dem ungeheuerlichen Druck, ja der Niedertracht der
FriedensbeLingungen ist es bis jetzt noch nicht zum Hassen gekommen —
Haß „liegt" ihm nicht. Wäre Haß in der Tat ^unentbehrlich", so wäre
demnach dieser Krieg nicht etwa nur ein unglücklicher Krieg, wie ihn ein
Volk eben einmal führt, sondern sein Ausgang bedeutete dann geradezu
unsre Erledigung. Anser seelisches Wesen wäre einfach Schwäche, nicht
etwa eine Kraft, wie eine lange leidenvolle Geschichte sie uns einerzogen
hat. Das endgültige Todesurteil über unsern Wert für die Menschheit-
geschichte wäre damit gesprochen.

Hat dagegen die Ablehnung der Haßpredigt mit ihren Voraussetzungen
recht, gibt es andre und höhere Güter eines Volkes und hat das deutsche
Volk um dieser höheren Güter willen die Haßrede abgelehnt, so war dev
Verlust dieses Krieges 'für üns nur eine Zerbrechung von Eierschalen.
Iknsre Aufgabe und unsre Zukunft liegen in diesem Falle vor uns.

Wir stehen in einer furchtbaren Krise auch dann. Aber wir haben
ein Recht, sie als Wehen einer Neugeburt zu fühlen. Bonus

Zames Watt und der SozialismuS

Zum 1V0. Todestage de« Erfinders der Dampfmaschine

ozialismus ist Arbeit." Er ist zwar noch mehr, aber die größere
(^^Hälfte des Sozialismus ist jedenfalls Arbeit, zu höchster Vollkommen-
»heit gesteigerte Arbeit. Der Sozialismus will die Arbeit, die von der
menschlichen Gesellschaft zur Befriedigung ihrer verschiedenen Bedürfnisse
geleistet werden muß, vor allem die hierfür notwendige mechanische Arbeit,
auf ein Mindestmaß herabsetzen. Zu diesem Ziel scheinen zwei Haupt-
wege zu führen: Die Mechanisierung und die Organisierung der Arbeit
oder die Abbürdung der Arbeit auf die Maschine und die planmäßige
Zusammenarbeit der Einzelnen für Gesamtziele. Beide Wege verfolgt der
Sozialismus; vor allem aber den letzteren, und dieser charakterisiert ge-
radezu den Sozialismus. Dagegen ist der Weg der Abbürdung der Arbeit
auf die Maschine auch schon vor dem Sozialismus beschritten worden,
und einer der erfolgreichsten Bahnbrecher auf diesem Wege war der Mann,
desseir jOO. Todestages wir am August gedenken. Was Watt ge-
schaffen hat, gehört der Menschheit. Die Dampfmaschine, die er erfunden
hat, dient allen Völkern als starke billige Arbeiterin und erleichtert überall
der Menschheit ihr schweres Los. Hunderttausende von Dampfmaschinen
ersetzen heute die Arbeitskraft vieler Millionen Menschen, und vor allem
nehmen sie den Menschen gerade denjenigen Teil der Arbeit ab, der am
schwersten ist, das rein mechanische Kraft-tzergeben. Seit Watt, der einer
der ersten Bahnbrecher auf diesem Wege überhaupt war — vor ihm waren
es nur Motoren, die die Energie der Natur, z. B. des Wassers und des
Windes, unmittelbar nutzbar machten —, ist nicht bloß die Dampfmaschine
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