Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Leistung zum Selbstzweck der Schule und der Kennerschaft vertrocknet hatte.
Insofern würde die Demokratisierung bei klarer und beherrschter Inangriff--
nahme dieser Aufgabe dem geistigen Leben sogar frische Kräfte zuführen
können und auf diesem Wege eine Verbindung von Idee und politisch-
sozialer Lebensordnung schaffen können, die als bloße dauernde Revo-
lutionsdogmatik unmöglich und widerwärtig ist. Alle ernsten Geister müssen
sich verschwören, ihr Bestes zu leisten in Inhalt und Form, und damit
wieder durchsichtige und starke Traditionen zu bilden.

Betreffs der geistigen Werte also haben wir in all dem furchtbaren
Anglück und in all der Arbeit des gründlichsten Umbaus keinen inneren
Bruch zu fürchten. Vielmehr sie, die zunächst das Einzige sind, was uns
geblieben ist, können im Verein mit besonnenem Umbau der Wirtschaft
und Gesellschaft unser Leben wieder gesund, groß und frei machen.

Ich sage „können". Aber darauf kommt es auch in der Tat an. Der
Verantwortung und dem Aufgebot des handelnden Willens ist jetzt alles
anheimgestellt. Die deutschen Geistesarbeiter aller Art müssen die Anf--
gabe bewußt ergreifen und ihre ganze Kraft daransetzen. Vor allem die
deutsche Iugend wird unü muß es tun, die nicht vergangener Größe trotzig
nachtrauern und für die Gegenwart verzichten kann, fondern die von der
Hoffnung lebt und ihren Anteil an der Arbeit der großen Neugestaltung
haben will. Man kann nicht leben, ohne zu hoffen, kann nicht seinen Kin--
dern und Schülern gegenübertreten ohne Zukunft. So dunkel und schwer
diese Zukunft sein mag, sie kann doch ein Neubau werden, und sie ist vor
allem kein Bruch mit dem deutschen Geiste und seiner Gefchichte. In sie
wollen wir uns neu verfenken und aus ihr wollen wir ihre großen Schätze
sammeln, um sie zu neuer Lebendigkeit und Einheitlichkeit zu prägen.
In dieser Hinsicht wollen wir das Ideal einer konservativen Demokratie
aufrichten, da für Neuheit ja genügend gesorgt sein wird. Nnd gegenüber
der Mutlosigkeit und Erbitterung so vieler halten wir es mit dem Schlusse
von Goethes Wilhelm Meister: „Wir heißen euch hofsen".

ErnstTroeltsch

(Ein Aufsatz desselben Verfassers über „Aristokratie" soll folgen.)

Vom Wesen und Wert einer volkstümlichen Philosophie

Man schreibt uns:

ie Frage, ob Philosophie volkstünrlich zn machen sei, ist schon ost
^erörtert worden. Ihre Entscheidung dürfte im wesentlichen davon ab°
hängen, was man unter Philosophie versteht. Faßt man diese, wie
in neuerer Zeit oft, als Wissenschaft vom Geiste, so erfordert diese freilich ein
eingehendes Fachstndium, nnd unsere Frage wäre dann zu verneinen.
Dersteht man aber unter einem Philosophen einen Freurrd der Meisheit, wie
die Alten, so zeigt sich darin sofort ein so allgemein m!enschliches
Ziel, daß es verwunderlich erscheinen müßte, wenn in alle Ewigkeit nnr ein
kleines Häuflein Erlesener daran teilhaben sollte.

Schiller sagt, daß er nicht wisse, welche von all den Philosophien Bestanü
haben werde, daß aber Philosophie immer bestehen dürfte; womit gemeint ist:
der Trieb zn philosophieren sei allgemein menschlich und werde alle bisher
aufgestellten philosophischen Systeme überdauerir, immer aufs Neue sich be-
tätigen. Ohne Zweifel wird, je mehr die Wenschen zum Denken erwachen, das
Bestreben, zu einer klaren und geschlossenen Borstellung vom Wesen der Welt
und der Stellung des Menschen in ihr zu gelangen, die Zahl der Philosophen
in diesem Sinne ganz bedeutend vermehrcn. Ia, es muß als eins der vor--

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