Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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wichtigsten gar nicht als Tagespolitiker. Anders gesagt: nicht durch das
Was seiner Vorschläge und Pläne, sondern durch das Wie seines Den-
kens und Tuns. Seit den Tagen der „Zeit" hat Naumann in allen
Kreisen, mit denen er in Meinungsaustausch und Meinungsstreit kam —
und wie viele waren das! — läuternd, veredelnd, versachlichend gewirkt.
Keine Partei, in der man seinen Einfluß nicht spürte! Umd was die Zu-
kunft betrifft: davor sollten wir uns hüten, alles, was von seinen Plänen
unverwirklicht blieb, aks „verlorenes Truggebilde" zu betrachten. Was
von Naumanns Plänen unausführbar bleiben wird, das mag man in
hundert Iahren erkennen, nicht jetzt, da diese Bergwerke guter Gedanken-
arbeit noch gar nicht ausgebeutet sind. Vielleicht auch später erst als in hundert
Iahren. Achten wir die „Reformer" aus Fichtes und Steins Zeit deshalb
gering, weil ihre Blütenträume nicht reiften? Sie sind es, diese großen
Plauer und Erzieher, neben denen spätere Iahrhunderte auch Friedrich
Naumanns deutsche Künstler-, Denker- und Kämpfergestalt mit tiefer Dank-
barkeit fortwirken fühlen werden. A

Nochmals: Volkstümliche Philosophie

^^^«^an schreibt uns: Erlauben Sie mir einige ergänzende Bemerkungen
/ zu Menzers Aufsatz im ersten Augustheft. Weun M. sagt, die
^"^^moderne Wissenschaft von heute (also etwa die Philosophie eines
R. Avenarius, eines Meinong, eines Husserl) sei nicht volkstümlich zu
machen, so wird ihm das niemand bestreiten. Dann streift er die Frage
der „Weisheit"; gewiß, Weisheit ist sicherlich ein Ziel. Ob es ein „all-
gemein menschliches Ziel" im strengeren Wortsinn ist, ein allen Menschen
gemeinsames, das ist freilich fraglich. Iedenfalls aber erfordert der Erwerb
von Weisheit, sofern man sich so kaufmännisch ausdrücken darf, keine
Fachbildung; die Bibel, chinesische, indische, Tolstoische Weisheit und die
Weisheit Hunderter von Weisen ist volkstümlich, soweit es dabei auf die
Art der Darbietung ankommt. Nun will aber Menzer offensichtlich etwas
anderes als solche Weisheit. Er umreißt die Aufgabe einer volkstümlichen
Philosophie, die nicht nur „Weisheit" ist, sondern etwas ganz anderes,
nämlich „einheitliche Weltanschauung", ein Gegensatz, der nrit dem an°
deren: Wertbewußtsein — geordnete Wissensfülle sich berührt. Es sollen die
Fragen nach dem Charakter der Welt und der Bestimmung des Menschen be-
antwortet werden, und dabei soll von den „Ergebnissen der exakten Wissen-
schaften" ausgegangen, sollen diese miteinander verknüpft werden. Die philoso-
phische Weltbetrachtung soll sich im Einklang mit den Ergebnissen der exakten
Forschung befinden. Diese Aufgabestellung weist nun allerdings auf eins
der Kernprobleme. Die Vorfrage „Was ist exakte Forschung? Darwin
oder Krapotkin oder Hertwig? Wundt oder Freud? Marx oder Ehren-
berg?" wollen wir beiseite lassen. Schon die zweite Frage aber ist unüber-
springbar: Soll die künftige volkstümliche Philosophie mit keiner auf
„Exaktheit" Anspruch machenden Forscherarbeit in Widerspruch stehen, soll
sie im Einklang mit allen bleiben, obwohl diese sich bekanntlich heftig
widersprechen? Es wird eine Arbeit zum Verzweifeln sein, Antwort auf
diese Frage oder die Lösung des Problems zu finden, falls man sich zur
Antwort Ia! entschließt. Lrfreulicherweise erscheint der Gegensatz zwischen
philosophischer Weltanschauung und exakter Forschung nicht Allen so groß
wie Menzer. Welche Ergebnisse der exakten Forschung widersprächen denn

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