Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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erste, bei dem nie davon die Rede sein konnte, daß der Anzeigenteil in
den redaktionellen hineinredigiere, das -erste auch, das über die Rkeinungen
der andern Parteien ohne jede tendenziöse Verfälschung und ohne sugge-
stive Einstellung unterrichtete. Es ist ihr zu danken, daß dann auch ein-
zelne ältere Blätter auf jene „politischen Mittel" zu vsrzichten wagten, die
man ehedem für unentbehrlich hielt. Eine Zeitschrift wie die „tzilfe" konnte
sich -als „Blatt für Offiziere" halten, denn sie brauchte keine Massen, eine
Tageszeitung uicht. Das Probl-em des Wirkens in die Breit-e drängte nun.
S o also ging es nicht, auch die verunglückten nationalsozialen Kandidatu-
ren bewiesen das — wie ging es? Die Nationalsozialen waren eben
vorläufig nur „Offiziere", wie gewannen sie die Massen, wie die Heere?
Naumann und die Seinen wollten praktische Politiker sein — was gab
es zu tun?

Die Geister schiedeu sich, als man auf die Bildung einer -eigenen national-
sozialen Partei verzichtete und den Anschluß an eine der schon bestehenden
großen politischen Parteien notwendig fand. Noch heute beklagen es die
Einen, daß Naumann damals nicht mit Göhre zu den Sozialdemokraten
gegangen ist, ich selber werde den Gedanken nicht los: hätte er das getan,
so wäre an Eberts Stelle Friedrich N-aumann des deutschen Freireichs erster
Präsident geworden. Sein Wichtignehmen unmittelbarer Gegenwartauf-
gaben hat ihn anders geführt, und —^ das gerade aus dem Studium der
Sozialdemokratie heraus. Ihre mechanistisch-materialistische Geschichtsauf-
fassung gewann einen Einfluß auf ihn, der sein Denken fortan vielleicht
überhaupt mitbestimmte. Sogar in dem, was er als das eigentlich Tren-
nende zwischen sich und- der Sozialdemokratie empfand, in der Erfassung
des Begriffes „national". Der große Monarch oder der große Kanzler,
die seinen Gedanken über Demokratie und Kaisertum die Macht gegeben
hätteu, sie waren freilich auch uicht da. Nnd es war nicht einmal die
Partei da, die sich diesem Geist mit Entschiedenheit zur Verfügung stellte.
Nnsere alten Parteien waren ja samt und sonders nur Interessen-Vertre-
tungen, die Äbereinstimmung mit ihren Programmen gab keine Gewähr
für die innere Denkgemeinschaft mit der Auslegung dieses Programmes —
wie viele „Nationalsoziale" sind politisch wesensähnlich mit den „Frei-
sinnigen" gewesen, in deren „Partei" ihr „Verein" damals aufging? And
wenn man dann mit der „Partei" Pakte schließen mußte, war es zu-
kunftskundig, den „Verein" -aufzulösen statt ihn als eine Art Iugend-
Verein in sich frisch zu erhalten? Nur, daß gerade der marxistisch be-
lehrte Naumann gerade das auch wieder als berechtigt anerkennen mußte,
was ihn unzweifelhaft anfremdete, wo es sich als „Idee" gab: Geschäfts-
Interesse als Mitbildner in der Partei.

Man braucht des Verstorbenen Denken, Wollen und Lntwerfen bis
zu den zerschellten Plänen für „Mitteleuropa" hin nicht im cinzelnen
zu verfolgen, und erkennt doch bei diesem von Freund und Feind Geachte-
ten, ja Geliebten und allgemein Bewunderten persönliche Tragik genug.
Aber jene N-achrufe, die sich jetzt auf die Idee verfehlten Wirkens stimmten,
und in der Ernennung N-aumanns zum Vorsitzenden der demokratischen
Partei eine Art von wehmütiger verspäteter Bekränzung seiner Lebens-
mühe sahen, verkennen den Sachverhalt doch. Es liegt etwas Symbolisches
darin, daß es die demokratische Iugend war, die jene Ernennung Nau-
manns bewirkte, er „hatte" die Iugend, und in ihr lebt er fort. ALer
zudem: er wirkte wohl von tagespolitischem Standort aus, aber im Aller-

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