Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Dingen so wenig Wandel schaffen kön-
nen, wie der Leser Iwan Blochscher
Sexuallitcratur sittliche Besserung er-
fährt.

Aber freilich: Für den Film-Ge-
schäftsmann ist die ganze Fragestellung
wohl müßig. Er will seine Ware
möglichst unbehelligt feilbicten. Macht
der Staat bei schlüpfrigen Geschichten
böse Augen, so klebt man einc Etikette
drauf: „Zur Warnung."

E. K. Fischer

Hermann Lieh -h

ur 5s Iahre alt ist Hermann Lietz,
der Hauptgründer der Landerzie-
hungsheime, gestorbcn. Lietz stammte
von der Insel Rügen und war Land-
wirtssohn. Von Iugend auf beseelte ihn
dcr Drang, der reformbcdürftigen Er»
ziehung neue Bahnen zu weisen. Als
er sich durch Studium von Theologie
und Philosophie in Halle und Iena
und durch Reisen im Ausland vor-
gebildet hatte, gründete er s898 das
erste seiner Landerziehungsheime zu
Ilsenburg am Harz, das heute der
Ausbildung jüngerer Knabcn dient.
Die Mittelstufe wurde in Haubinda
(Sachsen-Meiningen), die Oberstufe auf
dem herrlich gclegenen Schloß Bieber-
stein in dcr Rhön untergebracht. Von
diesen drci Grundanstalten zweigten
bald andre Erziehungsheime, auch für
Mädchen, ab. Wer einmal dem Leben
und Treiben in den von Lieh geleiteten
Anternehmungen zuschcn durfte, dcr
hat darin überall auch diesen reinen
Menschen walten gefühlt. Er hat in
seinem Schaffen etwas von dem Er-
ziehungsideal erfüllt, das Goethe in
seiner Pädagogischen Provinz aufstellte.
Die jungen Menschen wachsen in Licht
und Luft, untcr rauschenden Wäldern
und auf sonnigen Wiesen auf. Der

Geist wird edel und natürlich gebildet.
Wissen wird nicht als toter Stoff
herangebracht, sondern so, dasz alles,
was man dort lehrt, Erlebnis wird.
Dort lernt man mit der Freude ar-
beiten, die Geist und Seele wahrhaft
weitet, lernt Feste feiern, wirklich
feiern, kommt mit Menschen und
Leben in innige Berührung und ge-
winnt eine Lebenshaltung, wie wir
sie nicht genug, so schlicht, wahr und
tief, unserm Volke wünschen können.
Mit Lietz ist ein großer gütiger
Idealist nnd einer der allererfolg-
reichsten Förderer unsres Erziehungs-
wesens dahingegangen. Möge die sozia-
listische Welt Lietzens Ideal verwirk-
lichen, daß auch der Unbemittelte so
aufwachsen könne! P. Th. H.

Zum ersten Friedens-Vierteljahr

ir wollen beim Bcginne des
neuen Vierteljahrs für die neuen
Leser nur kurz betonen, daß es bei un°
serm Entschluß bleibt: dcn Kunst-
wart nach Möglichkeit wieder seinen
alten nicht-politischen Stoffge-
bieten zurückzugewinnen.

Not

ein Leiden oder Gedränge und Tod
kann überwunden werden mit An°
geduld, Flucht und Trostsuchen, son-
dcrn allein damit, daß man fest still
steht und ausharrt, und dem Unglück
und Tod kühn entgegcngeht. Denn
wahr ist das Sprichwort: Wcr sich vor
der Hölle fürchtet, der fährt hinein!
Ebenso, wer sich vor dem Tod fürchtet,
der fährt hinein; den verschlingt der
Tod ewiglich; wer sich vor dem Leiden
fürchtet, der wird überwunden. Furcht
tut nichts Gutes. Darum muß man
frei und mutig in allen Dingcn sein
und feststehen. Luther

Unsre Bilder und Noten

^W^as wissen wir alle: es ist eine Emporkömmlingsnarrheit in der Menge,
(»H^im Viel an sich cine Mehrung des Besitztums zu sehn. And doch gehn
^L^unsre Bildcr-Zeitschriften alle darauf aus, möglichst viele „Kunstbeilagen"
zu bieten. Ist es hier dcnn anders als beim Lesen: weniger abcr Bestes ist
mehr als Vieles, aber weniger Gutes? Hat man mchr d»von, in Tagen tiefsten
Ernstes wicdcr gehaltvolle Blätter zum ersten Male vors Auge zu nehmen,
als eines Klinger „And doch!" odcr sein „Zeit und Ruhm" zum zweiten, dritten,
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