Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 150
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Engelhorn mit nberaus liebenswürdigen märchenzarten Bildern geschmückt
wurde. Ezard Nidden

Hamsun, Segen der Erde (Langen, München) geh. 6, geb. 9 M. — Vojer,
Das große Sehnen (Ullstein, B.) H,50 M. — Brunn, Alus dem Geschlecht der
Byge (Kiepenheuer, Berlin) geh. (0, geb. (2 M. — Didring, Pioniere
(Kiepenheuer), Pappb. 5 M. — Andersen, Märchen und Geschichten, 2 Vde.
(Kiepenhener, Weimar), geb. (5, in Geschenkband 20 M. — Berger, Die andre
Seite (S. Fischer, Berlin), (,25 M. — Die besprochenen Schriften von Egge,
Pontoppidan, Heidenstam, S. Lagerlöf erschienen als Bände 25/26,
30, 27 und 22 der Nordland-Bücherei (herausgeg. von Goebel, Verl.
Morawe u. Scheffelt, Berlin), die jetzt 3 M. kosten. Die Abersetzungen dieser
Bände sind sehr lesbar, die Einleitungen leider überaus banal.

Die Zllusion im Theater

(Schluß)

2. Die Illusion des Schauspielers

Dieselbe historische Beobachtung kann man auch bei der Auffassung des
Spiels selbft machen. Früher, in den Zeiten Goethes, nahm man an, daß
der schauspielerische Schöpfungsakt eine bewußte, mehr oder weniger verstandes-
mäßige Lätigkeit sei. Alles komme, so sagte man, anf die richtige Auffassung
der Rolle nnd das genaue Stndium der Natur an. Die Auffassnng der Rolle
ergab sich aus dem richtigen Verständnis dessen, was der Dichter mit ihr ge°
meint hatte, das Studium der Natnr, bestand in der Beobachtung und dem
nachahmenden Zusammentragen der Stimmcharaktere und Ausdrucksbewegungen,
welche die Menschen verschiedener Lebenskreise zeigen. Es galt als selbstverständ-
lich, daß der Schauspielcr sich während des Spiels der technischen Mittel seiner
Darstellung immer bewußt bleibe, woraus sich dann von selbst ergab, daß er die
Gefühle der Personen, die er üarstellte, anf der Bühne nicht selbst fühlen durfte.
Sein ganzes Handeln wurde als ein „Vorgeben", ein „Tnn als ob" betrachtet.
Der Schauspieler, so sagte man, „tut nur so, als ob" er Lear oder Hamlet sei,
er „gibt nur vor", daß er Liebe, Haß, Sehnsucht usw. fühle. In Wirklichkeit
aber fühlt er gar nichts, sondern führt nur die Bewegungen aus, die dem
betreffenden Gefühl oder Affekt Ansdruck geben. Diese Bewegungen aber
sollen dem Publikum den Glauben beibringen, „als ob" er die Letreffenden
Gefühle während des Spiels wirklich erlebe.

Diese Auffassung genügte einem naturalistisch gerichteten Zeitalter nicht
mehr. Im Iahre (900, also in der Hochblüte des Naturalismus, ein Iahr vor
dem Erscheinen meines „Wesens der Kunst", gab der bekannte Schauspieler
und Regisseur Martersteig eine Broschüre über den Schauspieler heraus,
in der er nachzuweisen versuchte, daß der Schauspieler auf der Bühne nicht
nur die Gefühle, die er spielt, wirklich erlebt, sondern daß mit seiner Persön-
lichkeit — falls er ein wirklicher Künstlcr ist — geradezu eine Verwandlung,
eine „Transfiguration" vorgcht.* Martersteig hält diese Transfiguration, die
darin besteht, daß der Schauspieler gewissermaßen ganz in seine Rolle hinein-
kriecht, daß er nicht etwa Lear oder Hamlet spielt, sondern wirklich i st, für
eine Form der Hypnose oder Suggesti on. Er nimmt an, daß dabei
ebcnso wic bei diesen Znständen und dem Traum nur gewisse Teile des Gc-
hirns in Tätigkeit treten, daß dagegen diejenigen Gehirnzentren, die mit dem
Ichgefühl, d. h. dem Wirklichkeitsgefühl znsammenhängen, zeitweise völlig aus-
geschaltet sind. Diesen Zustand führt der Schauspieler nicht etwa selber herbei,
sondern er wird ihm — gewissermaßen durch einen besonderen Gnadenakt —
verliehen. Der Dichter ist es, der ihm diese Gnade erweist. Sein Instand ist
also nicht das Ergebnis einer willkürlichen Handlnng, sondern hat einen ganz
passiven, „physiologischen" Charakter. Er entsteht nicht aus dem künstlerischen
Können, sondern aus einem phhsiologischen Müssen, aus der Intuition.

* Max Martersteig, Der Schauspieler, cin künstlerisches Problem. Leipzig (900.
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