Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Untergange geweiht sei, den kosmischen Mythos vom Zusammensturz dieser
Welt, dieser gesamten Erdwelt.

Es ist, wie <s manchmal im Traum ist. Scharfumrissene, laut gefärbte
Bilder tauchen auf, und zugleich ist etwas Ilunennbares in ihnen, welches
plötzlich irgendwie das Bewußtsein herausruft, es schlummerten hohe see-
lische Geheimnisse in ihnen. Iemand in einer schweren Krankheit sieht einen
kleinen zerbrechlichen Ball aus hartem tönenden Stosf, der immerfort aufge-
worfen wird und klirrt, und er weiß, daß dieser Ball sein Leben ist. Oder
in der Gesundung sieht er einen Baum, der die Zweige himmelauf reckt
und langsam auf uud nieder wiegt, wie einer in erwachendem Kraftgefühl,
und er weiß wiederum, daß dies seine Seele ist, die sich neu iu seinem
Leibe einrichtet.

So erscheint in jenem Mythos der Wolf, der die Sonne versolgt, oder
die Schlange, welche die Erde umgürtet, oder das Feuer, welches die Erde
verbrennt, und immer hinein hört man eine heroische Seele rufen: dies biu
ich, ich und die Welt, und ich bin es, der bleibt!

Denn siehe da, nachdem Götter und Menschen untergegangen und die
Welt im Feuer vernichtet ist, Wasser den Brand schließlich gelöscht hat,
taucht aus den Fluten eine neue Welt mit neuen Menschen und Göttern,
Söhnen der untergegangenen.

Mit dieser furchtlosen Gesinnung und Stimmung also gingen jene
Menschen der Vernichtung entgegen, die sie ahnten. Gerade jene Furcht-
losigkeit lietz sie die Bernichtung ihrer geistigen Welt überleben. Aüs Ver-
achtung der Todesfurcht, Bereitheit, den höchsten Preis zu zahlen für
jede tiefe Erkenntnis und Sehnsucht nach einer erlebteren Welt, buk sich
züsammen diese neue durchfühltere abendländische Kultur, die aus Antike
und Ehristentum aufstieg und deren Ilntergang nun wir unsrerseits erahnen,
vielleicht zü erleben beginnen.

Soll dieser Autergang eine Erneuerung in sich schließen, so ist auch für
uns die richtige Grundgesinnung dafür die Furchtlosigkeit, der Wille zum
Neuen, die kühle Ablehnung des Iammerns.

Wie unsre Altvordern, die den Mythos der Götterdämmerung schufen,
im Nbblättern ihrer alten Welt doch selbst siegreich in eine neue hinüber-
drangen und als ihre Träger sich durchsetzten, so hoffen wir es von uns.

Bonus

Zum Gedächtnis Naumanns

^^-^.or Iahren, als ich Privatsekretär Naumanns und Redakteur an der
^/H„Hilfe" war, erinnere ich mich, mit ihm einmal über das Leben nach
dem Tode gesprochen zu haben. Der Anlaß war eine Gedächtnisrede,
die Naumann eben einem verstorbenen Freunde gehalten hatte. Ich konnte
mir es damals nicht versagen, ihn geradeheraus zu frageu, ob er an ein
persönliches Weiterleben nach dem Tode glaube oder nicht. Das war viel-
leicht nicht taktvoll; Naumann liebte es sowieso nicht, von sich zu reden
oder über sich reden zu hören. Er vermied es auch, mir eine direkte Ant-
wort zu geben; vielmehr sagte er nach einer kleinen Pause mit einem
eigentümlichen Blick in die Ferne: „Wenn ich wünschte, nach meinem
Tode persönlich fortzubestehen, so wäre es aus Neugierde, wie das aroße
Theater des Geschehens weiter abläuft."

Dieses Wort hat sich mir an jenem Vormittag deshalb so tief ein-
geprägt, weil es mir den Schlüssel zum Wesen des Mannes zu enthalten

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