Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Humor noch über Iean Paul, weil er vollkommen senlimentalitätfrei ist.
Er kann großer Humorist sein sogar bei Stoffen, die auf den ersten
Blick miniatürlich klein aussehen, und mit einem Wie, bei dem das
Auge des guten Bürgers gar nicht ahnt, daß überhaupt Humor da ist. Denn
das Auge des guten Bürgers meint ja, Humor sei eine bessere Sorte Heiter-
keit. Während Humor mit dem Heitern doch nicht mehr noch weniger,
sondern genau ebensoviel zu tun hat, wie mit dem Traurigen. Das Lustige
hier, das Traurige dort, dann den Geist und die Seele dazu, und falls
du es bezwingst, wird es eben Humor. Keller bezwang das Leben.

Aber ich wollte ja keinen Aufsatz über ihn schreiben. Sonst müßte
ich ja von ihm als Erzähler sprechen, und wie er erzählte. Undl von
ihm als Lyriker, der auch als solcher zu unsern allergrößten zählt.

Worte, Worte! Nicht einmal, nur Wörter. Nnd welche, die doch nur
immer wieder Aufnahmen von außen her geben. Zu der letzten Geheimtüre,
von der ich vorhin sprach, trägt die Persönlichkeit den Schlüssel nicht nur
bei sich, sondern, leider: sie kann auch allein damit schließen. Nur durch
seine eignen Worte kommen wir zum Poeten. „And er war unser." Wollen
wir uns inmitten all des Entsetzlichen dieser Zeit seiner freuen, so stellen
wir sein Bild vor uns auf den Tisch, wenn es um uns leise ist. Oder noch
besser: wir nehmen aus seinen Büchern etwas zum Lesen mit in den Wald,
und trinken dort seine Melodien, „kauernd in den dunkeln Büschen" —
vielleicht, dann meinen wir „Pan den Alten" selber zu hören „in den
sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder". A

Lose Blätter

O

Aus Kellers Garten

(Nuhe, Kunst, Poesie)

^^s^ur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht deu Mann; di<
1 Welt ist innerlich ruhig und still, uud so muß es auch der Maun sein
^ ^der sie verstehen und als ein wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln
will. Ruhe zieht das Leben an, Anruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschcn-
still, darum bewegt sich die Welt um ihn. Für den knnstlerischen Menschen nun
wäre dies so anzuwenden, daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und
die Dinge an sich vorüberziehen lassen, als ihnen nachjagen soll; denn wer in
einem festlichen Zuge mitzieht, kann denselben nicht so beschreiben, wie der,
welcher anr Wege steht. Dieser ist darum nicht überflüssig oder nrüßig, und
der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen, ünd wenn er ein rechter Seher
ist, so kommt der Augenblick, wo er fich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen
Spiegcl, glcich dem achten König im Macbeth, det in seinem Spiegel noch viele
Könige sehen ließ. Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen
des ruhig Leidenden, gleichwie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe
hat, eineu guten Platz zu erringen oder zu behaupten. Dses ist die Erhaltung
der Freihcit nnd Unbescholtenheit unserer Augen.

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