Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Ein bekannter Reitlehrer pflegte den Reitbeflissenen mit gebogenem
Zeigefinger auf eine bestimmte Schenkelmuskelpartie zu klopfen mit der
Frage: »Tut das wsh? Aein? — Dann haben Sie noch nichts gelernt!"
Ich erwiderte ihm, mir käme es weniger auf Schmerzen als auf Reiten an.
Da ließ er mich absteigen und ging plötzlich auf einem Bein ins Knie,
indem er gleichzeitig mit dem andern verschiedene sonderbare Bewegungen
machte. Ich solle das uachmachen. Schon beim bloßen Versuch fiel ich
hin. „Glauben Sie", sagte er nun, „einem alten Reiter und Lehrer: solange
Sie nicht diese Muskelschmerzen vierzehn Tage lang tüchtig gehabt haben
und später in dieser Partie die tzauptempfindung haben, solange Sie nicht
zu diesen Äbungen in der Einkniebeuge befähigt sind, solange werden Sie
kein Reiter. Vielleicht sitzen Sie ganz nett im Sattel, aber nach zwei Stun-
den sind Sie erledigt, und wenn's mal gefährlich wird, können Sie sich nicht
helfen." Ansere „Lust" gleicht diesen Muskelempfindungen, unsere „Be-
fähigung" diesem Kniebeugenkönnen. Einige werden sagen, das seien „Be-
gleiterscheinungen"; darüber soll nicht gestritten werden. Es kommt nur
darauf an, ob sie wirklich unentrinnbar sachzugehörig sind und ob sie ge-
eignet sind, die Mittel zum Zweck zu prüsen. (Schluß folgt)

Lieder von Othrnar Schoeck

^^n der Entwicklung des Liedes scheint Hugo Wolf genau so einen Abschluß
^Udarzustellen wie Nichard Wagner in der Entwicklung des Musikdramas.
^IDenn wenn nun auch weder die lyrische noch die dramatische Kunst füi
immer haltmachen wird, so werden sich beide doch mit der Tatsache abfinden
müssen, daß sich die für Wagner und Wolf formbestimmenden Grundsätze wohl
übernehmen, nicht aber schärfer nnd klarer anwenden lassen, als von den Voll-
endern jener Kunstformen. Für diese Behauptung zeugen im besonderen die
Werke der Vielen, die das Lied noch Wolfscher zn gestalten trachteten als Wolf
selbst. Wer immer auf dem Weg, der Wolf zu der Anpassung der Singstimme
an die Sprachmelodie führte, in derselben Richtnng weiterstrebte, schien ge»
zwungen, im Wesentlichen das Deklamatorische von der Mnsik losznlösen.
SHwerlich ein Fortschritt! Denn mit dieser Lrennung der Zusammenhänge
setzt unverkennbar eine rückläufige Bewegung ein, welche, folgerichtig festgehalten,
die Gesangsmelodie wieder dorthin bringen mnß, von wo sie ihren Ansgang
nahm: an den Punkt naturalistischen Rezitierens. Das scheint Othmar Schoeck,
ein Schweizer Tonsetzer mit ausgesprochen lhrischer Be°
gabung, im Gegensatze zu vielen zeitgenössischen Liedschöpfern, deutlich er-
kannt zu haben. Vorübergehen kann er an Wolf natürlich ebensowenig wie
irgendein anderer, der hente für Klavier und Gesang schreiben will, nnd
wenn man seine drei Hefte „Lieder und Gesänge" (Breitkopf und Härtel)
flüchtig durchblättert, so läßt sich schon aus der Tatsache, daß das erste (9 Lieder
nach Goethe, das zweite sH nach Ähland und Eichendorff und das dritte 20 nach
einigen ausgewählten Dichtern enthält, ein zwar änßerlicher, aber immerhin
deutlicher Hinweis auf das Vorbild Wolfs erkennen. Aber dabei bleibt
es. Denn wenn anch der Klaviersatz Schoecks glücklicherweise mehr gemein-
schaftliche Züge mit dem Wolfs als mit dem seines Lehrers Reger zeigt,
so kann doch von einer Preisgabe der eigenen Persönlichkeit nicht die Rede
sein. Im Gegenteil, so verschieden die Stimmungen sind, die da angeschlagen
werden, so einheitlich ist bei aller Mannigfaltigkeit der musikalischen Struktur
die Ausdrucksweise. Änd wenn etwas rein formal für die Vegabung Schoecks
spricht, dann ist es diese Einheitlichkeit des Stiles; sie stellt sich durchaus nicht
als Ergebnis der Absicht dar, alles anders zn machen als seine Vorgänger,
läßt vielmehr in der Sicherheit des äußeren Gestaltens hinter den verschiedenen
Gesängen eine Persönlichkeit erkennen, die ohne jede besonders betonte ALsicht
auf Originalität ihre eigne Sprache spricht.

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