Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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würdig! Geistig-gesellige Beziehung? Mso gar für sich selbst will der
edle Volksbildner noch etwas herausschlagen! Das alles ist ein trüber Po-
sitivismus, mit dem das idealistische Deutschland nichts gemein hat. So
wird man auftrnmpfen. Wir möchten solche Mißverständnisse gern fern-
halten. Obwohl wir jene „hedonistische" Lebensanschanung keineswegs ver-
ächtlich finden, die in der Mehrung und Erhöhung der Lust am Leben,
der Lebensfreude ein wichtigstes Ziel erblickt, obwohl wir rückhaltlos manche
Onellen der Lebenslust „gelten lassen", die häufig mit größerer oder ge-
ringerer Berachtung abgelehnt werden und sogar manches als Lustquelle
auffassen, was vielfach so nicht gewürdigt wird, obwohl wir uns durchaus
zu einer „euphoristischen" Lebensanschauung bekennen, als welche das Glück,
wenn auch nicht das „billigste" Glück auf ihre Fahnen schreibt —, so ist
es doch unsere Absicht nicht, hier ein für allemal die Erzeugung von Lust
als das einzig erstrebenswerte Ziel der Volksbildung hinzustellen. And
obwohl wir eine „utilitarische" Philosophie ganz und gar uicht unbedingt
krämerhaft finden, sondern ihre Zwecksetzunggewohnheit allem wirklichkeit-
blinden Denknebel weit vorziehen, so dachten wir doch nicht daran, bestimmte
Befähigungen als das unbedingt zu Erreichende in das Programm der
Volksbildung zu setzen. Unser Gedankengang ist vielmehr ein ganz andrer.
Wenn wir von Bildung sprechen, tun und können wir dies nur, weil wir
deren Wesen erfahren haben. Nun taucht das Ziel auf, andere derselben
Erfahrung teilhaft zu machen. Es werden Mittel gesucht, dieses Ziel zu
erreichen. Da nun werden gewöhnlich zwei, eigentlich etwas überraschende
Äberlegungen eingeschaltet. Der Eine sagt: wozu soll diese Bildung (die
Volksbildung nämlich) hinführen? Er setzt also von vornherein die Volks-
bildung ihrerseits als Mittel zu einem Zweck. Der andre sagt: Das Wesen
der Sache wird erkannt am Wesen ihres „Inhalts"; Bildung ist irgendwie
Bezogenheit auf einen Inhalt, und wer die entsprechenden Inhalte oder
Gegenstände herausfindet und recht herrichtet, hat damit das Mittel, Bil-
dung zu erzeugen. Demgegenüber fassen wir das Problem so auf, daß
wir den Zustand der Gebildetheit aus unserer Erfahrung heraus zu zer-
gliedern trachten. Dies würde, sorgsam durchgeführt, zu einer großen Reihe
von psychologischen Merkmalen führen und eine ganze „Charakterographie"
ergeben. Für unsere Zwecke jedoch, um nämlich passende Mittel der Bil-
dungübermittlung zu finden und die üblichen Mittel kennzeichnen zu können,
greifen wir nicht willkürlich, sondern nach langer Äberlegung die Merkmale
heraus, die wir oben als „Lust" und als „Befähigung" bezeichnet haben.
Gerade mit dem Vorsatz, andere diese Lust erleben zu lassen und sie zu
solcher Befähigung zu bringen, hoffen wir ein Ziel zu bezeichnen, das drei
Eigenschaften hat: es ist nicht zu hoch und darum ist es erreichbar, es ist
nicht zu niedrig und darum erreichenswert, es ist nicht politisch oder kultur-
politisch gefärbt und darum gleichsam „neutral"; jeder echten Bildungs-
bestrebung wohnt es u. E. notwendig und natürlich inne.

Eltern pflegen gelegentlich über das Reisen der Kinder zu sprechen. Die
einen sagen: Was soll es denn für einen Zweck haben, daß die Kindev
schon immer mitreisen? Die andern: Die Hauptsache ist es, genau nach-
zudenken, wohin sie mitreisen sollen und wohin nicht. Wir halten es mit
den Dritten, die da sagen: Die Kinder sollen vor allem die ganz besonders
unvergleichliche Lust empfinden, die uns das Reisen als solches verursacht,
und sie sollen sich die Gewandtheit guter Reisender aneignen. Wenn wir
sehen, daß dies erreicht ist, dann wollen wir zufrieden sein.

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