Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Wir wollen uns nicht betrügen: es kann so sein — es kann auch anders
sein. Alles große Geschehen ist zweischneidig. Der Kriegswucherer wurde und
wird reich und lacht der Söhne der Geopferten. Es ist an uns, die Preise
zu verteilen und dafür zu sorgen, daß dies Blut nicht umsonst floß. Es
ist an denen selbst, die den Tod der Nachbarn erlebten und zurückkehrten.

Das Leben hat andre Zwecke mit uns, als wir dachten. Nnd noch wissen
wir nicht, worum wir kämpften. Vielleicht beginnen wir zu ahnen.

Im Grunde tun wir immerfort etwas andres, als wir wollten, und
unsre Arbeit wird zu anderm Zwecke verwandt, als der uns vorschwebte.
Am besten weiß das der Fromme, der betet: »nicht wie ich will". Eben
Lamit macht er den Willen des Schicksals zu seinem Willen. Der Fromme
ist überhaupt ber immer Lauschende. Stimmen sprechen zu ihm aus allem
Geschehen. Nnd eine Stimme antwortet aus seinem tiefsten Innern, daß
es ihn selbst verwundert, indem er dergestalt zuhört, wie es zwischen in ihm
und weit außer ihm spricht. Iadessen das alles und datz immerfort unser
Wollen und Tun in das große Gewebe eingeschlagen wird, das eine hohe
Gottheit webt, - dies alles, ist es denn noch etwas Wirkliches für den,
welcher stirbt?

Hier muß ich mich bescheiden, zu gestehen, daß ich für mein Teil in der
Tat nicht anders sehe, als daß es für die, welche sterben, für uns alle,
wenn wir einst sterben, nichts Wirkliches mehr ist, nichts mehr als ein
bloßer Gedanke, blasser Gedanke. Aber wie konnte es dann die Krast
haben, jene in den Tod zu führen und uns alle das Leben aushalten
zu lassen?

Der Gedankengang dreht sich um und sagt: das, was die Kraft hatte,
in den Tod zu führen, dies Unausgesprochene, dies Gefühl, daß das Leben
Mittel ist für etwas, das wir noch so wenig kennen, wie ein Kind im
Mutterleibe weiß, wozu es Hände, Füße und alle Gliedmaßen aus sich
heraustreibt, die es doch nicht gebraucht, — dies muß etwas Wirkltches
bedeuten, — und es bedeutet es so wahr, wie die Gliedmaßen eines noch
ungeborenen Kindes etwas bedeuten für es selbst.

Aber dies möchte ich nun um alles keinem aufdrängen. Man spreche
mit sich selbst. Oder besser: man höre sich selbst zu. Denn sehr tief in
uns spricht es. In jedem; nur nicht jeder hört es. Bonus

ver wahn

(Das folgende Stück ist den, letzten Akt des „Laust ' von Lerdinand Ave-
narius entnommen, der bei Georg D. w. Lallrv«? in Müncl>en erschienen ist.)

Fau st:

rNeinst du, ich sah das nicht, rvie jedes werk

Du mir verdarbst? . . .

Mephistoxheles:

Der Sxaß allein, -atz du mich rvieder riefst! . . .

Faust:

wie deine wonne rvar, die Seele mir

Am Ljeiligsten ^r guälen?

rNexhistoxheles:

löimmelsmann,

Sieht sich dein kauxt über den wolken um.

Ist das ein bitzchen hoch, die Beine zaxpeln

Dann in der Luft —-as sah mir lustig aus.

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