Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Verhältnislehre und plastische Anatomie

^^arüber soll hier geschrieben werden? Ist denn das nicht längst über-
Verhältnislehre und Anatomie gelten bei vielen Künstlern als
^^überflüssig und bei einigen als schädlich. Mit Recht führen sie an,
daß es schrecklich langweilig wäre, wenn alle Bildwerke nach einem Schema
gemacht würden; daß ein Kunstwerk in seinen Proportionen stets neu ge-
schaffen werden muß und daß es niemals das Ergebnis von feststehenden
Verhältniszahlen sein kann! Auch aus der Literatur über Verhältnislehre
begreift sich's, daß viele Künstler sie nicht mögen. Schon der vielen Zahlen-
tabellen wegen, die als eine Art „Polizeiverordnung" hingestellt werden!

Aber zum Teil kommt der Widerwille doch auch aus einem Mißver-
ständnis. Nicht dem gereiften Künstler, sondern einerseits dem Kunstjünger
und anderseits dem Kunstsreunde soll die Verhältnislehre dienen. Sie soll
auch keine „Polizeiverordnung" sein, sie soll einfach die Sachkenntnis geben,
die man dann frei verwerten mag. Vor allem: sie soll zum Nachfühlen und
Verstehen des Körperlichen in der Natur mithelfen.

Dem Kunstjünger wie dem kunstliebenden Laien wird sie zunächst auch
helfen, dunkle Eindrücke zu erhellen. Ein Bild des Gekreuzigten erregt
ihm wegen seiner Verhältnisse eine unklare Nnlust. Er vergleicht es mit
dein „Quadrat der Alten", denn er weiß, daß die Spannweite der Arme
gleich ist der. Körperlänge — nun hat er die Abweichung klar erkannt und
gerade deshalb stört sie ihn nicht mehr, wenn er sich am Kolorit oder am
Ausdruck des Angesichtes erfreut. Oder er betrachtet einen aufrechtstehenden
Akt; wenn er weiß, daß die Beinlänge die tzälfte der Körperhöhe ist,
dann wird er schnell erkennen, was ihn etwa beim ersten Anblick durch
die Ausmaße störte. Nnd wenn man weiß, daß der Nnterschenkel gleich
der Hälfte der Beinlänge ist, daß die Brustwarzen in der Mitte der
Rumpflänge liegen, und die Kopfgröße die Hälfte zwischen Scheitel und
Brustwarze einnimmt, also ein Achtel der Körperhöhe ist, so klärt einen
das in anderen Fällen (Abb. (, 2, 3 und H). Diese immer wieder hal-
bierende Teilung durch acht bildet wie in der Musik eine Art „Ton-
leiter", die schnell zur Erkenntnis von Abweichungen hilft. Die Bluten-
burger Madonna zum Beispiel hat einen Kopf, der etwa neunmal in die
Körperlänge aufgeht, eine andre mittelalterliche Holzskulptur, ein Apostel
aus Schleswig-Holstein, dagegen hat einen auffallend großen Kopf, der
nur etwa ein Fünftel der Körperlänge beträgt (Abb. 5 und 6). Aber ge-
rade die Kleinheit des Kopfes hilft mit, die Blntenburgerin schlank und
edel zu machen, während der Apostel durch die Äbergröße des Kopfes
plump wird. Nnd doch ist dieser Apostel eine sehr tüchtige Arbeit; man
betrachte den Gesichtsausdruck, die Behandlung des Bartes und der Kopf-
haare, den weich fließenden Faltenwurf, alles ist mit Geschick und Ver-
ständnis geschniht; nur das Gefühl für schöne Verhältnisse fehlte.

Sehr wesentlich für die Ausbildung eines feineren Proportionsgefühls
ist auch der Vergleich der Einteilung (Tonleiter) verschiedener Künstler. Von
Michelangelo ist eine Zeichnung erhalten, die uns zeigt, wie er die Verhält-
nisse des Menschen fühlte (Abb. 7). Ihm war die Figur durch acht geteilt
zu kurz, er schob unten, zwischen Knöchel und Sohle, noch etwa ein Fünftel
Kopflänge ein. Dadurch wurde die Gestalt länger und man hat auch den
Eindruck eines hochgewachsenen, gutgebauten Mannes. Im Gegensatz zu
Michelangolo fühlte der französische Bildhauer und Maler Rochet den Men-

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