Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 245
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart_kulturwart32_4/0276
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
über die Wirkung der Knochen und Muskeln auf die äußere Form Rechen-
schaft zn geben sucht, dann langweilen einen die Knochen und Muskeln
nicht, sondern sie fesseln und regen an, ihre Formen besser zu verstehen.
Iedes Kind will verstehen, wie der Mechanismus bei einem Spielzeug inner-
lich zusammenhängt, es zerstört wohl das Spielzeug, eben um „dahinter zu
kommen". Die Abneigung gegen die Anatomie kommt bei den Kunstschülern
oft daher, daß Mediziner darin Rnterricht geben, die natürlich das künst-
lerische Interesse selten gut umstellen können. Man sollte in den Stunden-
plänen unserer Kunst- und Kunstgewerbeschulen die Stunde „Anatomie"
streichen und dafür im Aktsaal beim Studium nach dem lebenden Modell
praktisch tätige Künstler über Knochenbau und Muskeln sprechen lassen.

C. dell'Antonio

Eddalieder

dem Aufsatze „Götterdämmerung" sprach ich von den Geschlechtern,
die den Mythos von der Götterdämmerung schufen. Ihre Urkunden, die
^FGesänge und Prosaerzählungen der Ldda, sind trotz mancher Äber-
setzung für uns noch immer tot.

Die Gründe dafür sind verschiedenartig. Einmal ist trotz allem der rechte
Äbersetzer noch nicht an den Stofs gelangt. Simrock bleibt noch immer der,
welcher der Aufgabe dichterisch am meisten gerecht wurde. Wunderlich, daß
keine unsrer billigen Bibliotheken in der Art Reclams und Hendels sie neu
herausgibt, da sie doch längst srei für den Nachdruck ist. Es brauchten nur
die veralteten Anmerkungen durch neue ersetzt oder auch ganz weggelassen
zu werden. Die Geringsche Äbersetzung, die jetzt allein herrscht, ist wissen-
schaftlich meines Wissens auf der Höhe. Von ihrem dichterischen Geist gebe
ich zwei ziemlich wahllos im Blättern aufgegriffene Beispiele: Im Gesang
der Wala heißt der ungeduldig treibende und drohende Kehrreim bei Sim-
rock: „Wißt ihr, was das Ledeutet?", bei Gering auf diesem Höhepunkt
der Dichtung in freundlicher Konversationsprosa: „Könnt ihr Weitres ver-
stehen?" — Oder man schlage das alte viel übersetzte Thrymslied auf, des
Hammers Heimholung. Der Riese hat Thors Hammer gestohlen, ohne
den sich Götter- und Menschenwelt nicht verteidigen lassen Er verlangt
die Göttin Freya als Lösung. 'Thor kleidet sich als Freya und der kluge
Loki als Magd. An der Stelle, wo der Riose den Schleier hebt und vor
den brennenden Augen des Gottes zurückfährt — die findige Magd erklärt
hurtig, daß Freya acht Nächte vor Sehnsucht ohne Schlaf liege —, übersetzt
Gering: „Den Schleier hob er, ein Schmätzchen begehrend". Das soll
Humor sein...

Indessen Lie Hauptgründe für die Nnerwecktheit der Edda liegen in der
Aufgabe selbst, der mit einer einfachen Äbersetzung nicht beizukommen ist.

Die Ldda ist ja zum Teil ein Handbuch für Kunstdichter, sogenannte
„Skalden", Lie mühselig jene farbigen Wortmosaiken zusammensetzten, die
sie unter Gedichten verstanden. Es handslte sich dabei darum, möglichst
keine Sache unmittelbar und geradeaus zu bezeichnen, vielmehr alles durch
eine umschreibende Anspielung auf einen alten Mythos. Dazu mußte
man die alten Mythen kennen; und so stellte hier der Sammler allerlei
zusammen, was zu diesem Zwecke gut war. Neben einigen alten Gesängen
voll schroffer Hoheit findet man viele Katechismuslieder, Gedichte, welche
unter dem Vorwand und im Rahmen einer Mythe die alten Vorstellungen
und Mythen abfragen ließen.
loading ...