Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Sie stellen etwa einen Weisheitskampf dar, wobei das Leben eingesetzt
wird. Odin streitet mit dem erfahvensten der alten Riesen, oder Thor mit
dem leichennasigen Zwergenherrscher, dessen Name Allwissend bedeutet.
Oder Odin, der Gott der Skalden und Helden, hat sich in einen Fährmann
verwandelt und rühmt Thor, dem Bauerngott gegenüber das Hofleben.
Oder Loki, der Able, schmäht die Götter. Kurz, diese Götterlieder sind leider
Lehrgedichte (davon einige wie das Lied der Wala von dichterischer Kraft) und
dann Lehrgedichte, die uns nichts mehr lehren. Da sie den grosten Mythos
voraussetzen, so verlaufen sie in Anspielungen, Nebenbeziehungen, besonders
gern Namen, umschreibenden Bezeichnungen, und so, datz dieser Stoff selten
eine für uns noch lebendige Beziehung zu dem Rahmen hat, in den er
gefüllt ist.

Aber auch die echten alten Gesänge leiden darunter, dast zu viel vor»
ausgesetzt wird, was der akte Zuhörer kannte und sofort in seiner Lrinne--
rung herstellte. (So, wie wenn unter unsern Frommen ein Stichwort der
Sprache Kanaans fällt, wie „Kreuz" oder „Gnade", wo auch jedes einzelne
Wort hundert Fäden schlägt.) Dunkel waren auch wohl für die alten Hörer
manche Zusammenhänge und sollten es auch sein. Aber das war die frucht-
bare Dunkelheit, die den Sinn reizte, sie zu erhellen, nicht die dumpfe
Dunkelheit des Rnbekannten, aus dem auch das tiefste eindringlichste Sinnen
nichts ans Licht heben kann.

Für einen Nachdichter war hier die Aufgabe eine mehrfache. Einmal
den Stoff zu sichten und nur den stshen zu lassen, welcher dichterisch noch
lebensfähig gemacht werden konnte. Für die Lehrgedichte bedeutete das
vor allem die Vorstellungen, welche in eine lebendige Beziehung zur
Rahmendichtung treten können. Andrerseits waren die Anspielungen soweit
zu vervollständigen, daß sie auch unserm Verständnis den dichterischen Blick
bieten, den >sie dem alten Hörer boten.

Es wären also die geistigen Voraussetzungen des alten Hörers Mit hinein--
zudichten. Soll das nicht eine künstliche Schwitzarbeit werden, über der
die eigentliche dichterische Anschauung im aufsteigenden Arbeitsdampf ver--
raucht, so bleibt eigentlich nur ein Weg übrig. Aber der eine Weg wäre
der königliche Weg des Dichters. Er müßte sich mit Geist und Stoff der
alten Dichtung so füllen, daß sie thm wie ureigne Anschauung zu Gebot
stünden.

Damit würde eine andere Schwierigkeit fast von selbst fallen.

Wurde dem alten Zuhörer unter bestimmtem Gesichtswinkel, der uns
nicht immer mehr zugänglich ist, der Bau seiner Welt vor Augen gebracht,
so konnte ihn das aufs höchste erfreuen und erbauen. Wie einer sich freut,
wenn er nach Hause kommt. Es mochten auch etwa Zusammenhänge dabei
hergestellt sein, die er so noch nicht gesehen hatte. Und es mochte ihm darüber
eine besondere dichterische Einheit nicht mehr vonnöten scheinen. Er brachte
sie in sich mit hinzu. Oder auch die dichterische Einheit mochte in einem
solchen, neu hergestellten Zusammenhang ruhen.

Er wußte etwa schon lange vom Sonnenwolf, vielleicht auch von dem
Wolf, der den Mond verfolgte. Die seltnen, aber dann so erschreckenden
Verfinsterungen der Gestirne hingen damit zusammen, wußte er, daß die
Untiere sie zu verschlingen drohten. Aber das waren zerstreute Geheimnisse.
Nun trat das in einen festen ZusaMmenhang. Die große Geschwindig--
keit, mit der die Gestirne diesen ungeheuren Bogen in wenigen Stunden
umjagen, erklärte sich. Und nie hörte es auf, einer am Tage, einer in der

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