Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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helfenden Sinn nahm! Es wäre übel, wenn man sogar in diesen
Zeiten versuchte, sich um die Wahrheit dessen herumzulügen, dem man
dienen soll und will.

Schafft eine Kirche, die es nicht ertragen kann, daß Millionen stnmpf,
müde, roh werden durch körperliche Last und geistige Vernachlässigung!
Kämpft um die Lrlösung derer, deren Versklavung durch rohe Vergnü-
gungen und bitteren Haß ihr täglich seht! Aber nicht mit Worten nur,
das wäre Schwindel, sondern mit Verstehen und Tat. Schafft eine Kirche,
die darum kämpft und ihr Dasein einsetzt, daß hier Lrlösung werde!
tzabt Mut gegen das Gemeine, gegen die Macht des Todes in Mam-
monismus und Kino und Schund, gegen Angerechtigkeit in Staat und
Wirtschaftsleben, habt Mut und Liebe und Glauben, die nur mit euch
selber enden!

And Glauben! Glauben an dies deutsche Volk, das zerbrochen und
krank und verzweifelt doch noch lange nicht sich an die Stelle der Fran-
zosen, Engländer und Amerikaner zu wünschen braucht. Habt Glauben
und helft ihm durch die einzige Art, die dem Edeln hilft: daß man ihm
Vertrauen entgegenbringt. Sagt jetzt nicht: „Sollen wir dieser Masse
die Herrschafl über die Kirche geben?" Sagt und fühlt es in Euren deutschen,
Euren luthrischen Herzen, was Luthers Wort bedeutet: „Nicht weil ich
gut bin, werden mir die vergangenen Sünden vergeben, nein, weil ich
Vergebung spüre, gewinne ich die Kraft, gut zu sein, und danke in seliger
Liebe dem Gotte, der mir vergab!" Gebt's ihm in die Hand und sagt
zu diesem Volke im kühnen Wagemut des Glaubens: Du willst, Du kannst,
Du wirst das Tiefste Deiner Seele in Gewissenhaftigkeit pflegen. Komm
denn, nimm mit der Kirche die Pflege in Deine Hand und Sorge. Sei
selbst die bildende Kraft und der bildende Wille deiner Kirchen-Gemein-
schaft! Was könnte solch eine Kirche werden! Ihre Führer würden
unsrer Volksseele eine Zuversicht und Einheit geben und damit ein Wieder-
gewinnen ihrer Kraft. Daß uns Gott an dieser entscheidenden Stelle
unsers gemeinschaftlichen Seelenlebens den Glauben an das Heil durch
deu Geist im Herzen führender Männer schenkte! Dann gewännen wir
den Lichtpunkt innersten Einswerdens in der großen Verwirrung. tzaben
wir nur den, daun werden sie uns nicht auseinanderreißen, sondern immer
enger zusammenschweißen. Weißt Du, was Dir in die Hand gegeben
ist, evangelischer Kirchentag, auch für das Geschick des deutschen Protestan-
tismus? Wenn er jetzt dieser Lichtpunkt des innersten Einswerdens würde!
Wenn jene Frömmigkeit der Zukunft jetzt aufzusteigen begänne, die unser
Volk stark zu dem machen würde, was es durch seine Gestaltung der Welt
zu geben vermag!

Eisenach. Emil Fuchs

Vom japanischen Denken

Aus vertraulichen Briefen eines japanischcn Diplomaten

sVorbemerkung: Ein amerikanischer Beamtcr in einem neutralen Lande
stellte uns Briefe zur Verfügung, die der japanische Ministerialdirektor Kamo
Shunsui zu Tokio an seinen Freund Aiko Pomaturo gerichtet hat, der von
W2 bis W5 Gcsandtschastssckretär in Paris war. Der Hauptinhalt dieser
Briefe bcschäftigt sich mit Lhina und eignet sich zum Abdruck in unsern
Blättcrn nicht. Doch gebcn wir immerhin ein paar Auszüge aus ihnen
gern wieder, weil diese Stellcn das japanische Denken lehrreich und
anschaulich beleuchten. Meitc Kreise bei uns machen sich ja immer noch eine
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