Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Unter den Schoeckschen Gesängen finden sich ganz entzückende Gebilde. Wenn
der Tonsetzer einmnl die Gegenwart zu vergessen scheint und Goethes „Kleine
Blumen, kleine Blätter" in der Weise vertont, wie es etwa Iohann Friedrich
Reichardt einst zu der Freude des Dichters getan haben könnte; wenn er ge--
legentlich betrachtende Gedankengänge in Musik setzt, die kaum danach ver->
langen; wenn er Gesänge für hohen Tenor neben solche für tiefen Batz stellt;
wenn er einmal in Hermann Hesses Ravenna die Melodie überhaupt nicht
über das eingestrichene f in der Notierung emporsteigen lätzt und an einen
vorweltlich tiefen Baß zu denken scheint, dabei übrigens die heimliche Stimmung
tausendjähriger Stummheit mit ganz wenig Noten zum Greifen deutlich trifft,
so ist das vom praktischen Standpunkte aus vielleicht nicht immer gcschickt,
hat aber nichts Gemachtes und Absichtliches an sich, überzeugt vielmehr fast
in jedem Falle davon, daß es dem Gefühle eines Musikers entspringt, der
unbekümmert seine Noten schreibt, weil ihn Aberfülle innerer Musik dazu
drängt. Dabei springt allenthalben als Wesenscigcntümlichkeit die sangliche
Bildung der Melodie mit ihrer Aberlegenheit über die Begleitstimmen ins
Auge. Dieselbe Vorherrschaft der Singstimme, die das Schubertsche Lied kenn-
zeichnet, ist stilistisch auch dem Schoeckschen eigen. Doch trägt auch das Klavier
sein gemessen Teil zur Gesamtwirkung bei. An dem Lied in der Notenbeilage
dieses Heftes erkennt man z. B. ohne weiteres den wesentlichen Anteil des
Instruments im Schoeckschen Liede, fühlt aber auch, wie der Tonsetzer seine
Musik gleichsam von der Gesangsmelodie ausgehend fand und sich damit in
Gegensatz zu den Bestrebungen der Gegenwart stellt, den Gefühlsinhalt des
Gedichtes dem Klaviere im musikdramatischen oder sinfonischen Sinne anzu-
vertrauen und dem so entstehenden Gebilde eine musikalisch rezitierende Stimme
beizugeben. Andere Lieder Schoecks sind übrigens in jener Hinsicht noch
viel bczeichnender. Worauf es ankommt, erhellt aber auch aus diescm Beispiel
zur Genüge: wie glücklich durch das Abergewicht der durchaus im Schubertschen
Sinne liedmäßig behandelten Gesangsmelodie die Liedform festgchalten und
das Ganze von dcr musikdramatischen Szene abgerückt wird. Das ist „un-
modern". Aber was kann das schaden? Da Schoecks Melodiengabe überraschend
groß und vielseitig ist und einem durchaus modernen harmonischen Empfinden
eutwächst, da sein Melodienreichtum völlig ursprünglich ist, darf er getrost des
Vorwurfs spotten, einem überholten Ideale zu dienen. Aritur Liebscher

Lose Blätter

W

Aus Alexander von Humboldts Werken

er von einer echten Liebe zum Naturstudium und von der erhabenen
Würde desselben beseelt ist, kann durch nichts entmutigt werden, was
an eine künstige Vervollkommnung des menschlichen Wissens erinnert.

G

HN>rer die Resultate der Naturforschung nicht in ihrem Verhältnis zu
^^einzelnen Stufen der Bildung oder zu den individuellen Bedürf-
nissen des geselligen Lebens, sondern in ihrer großen Beziehung auf die
gesamte Menschheit betrachtet, dem bietet sich als die erfreulichste Frucht
dieser Forschung der Gewinn dar, durch Einsicht in den Zusammen»
hang der Erscheinungen den Genuß der Natur vermehrt und veredelt zu
sehen. Eine solche Veredlung ist aber das Werk der Beobachtung, der
Intelligenz und der Zeit, in welcher alle Richtungen der Geisteskräfte sich
reflektieren. Wie seit Iahrtausenden das Menschengeschlecht dahin gearbeitet
hat, in dem ewig wiederkehrenden Wechsel der Weltgestaltungen das Be»
harrliche des Gesetzes aufzufinden und so allmählich durch die Macht der

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