Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Der ganze Rasen dehnt sich in funkelndem Glanz aus. Hat es geregnet?
Oder ist es der Tau, dessen glänzende Tropfen die zarten jungen Gräser
niederbeugen wie unter flimmerndem Rauhreif? Mitten auf dem Rasen
steht der Birnbaum mit dem allerweißesten weißen Blütenschnee bedeckt.

Es ist, als banne das Licht alles in unbewegliche Stille; nicht ein Blatt,
nicht ein Grashälmchen bewegt sich. Nicht der leiseste Hauch geht durch
den Garten. Aber es ist nicht die Stille des Todes; nicht einmal die des
Schlafes — alle Blumen schauen mit offenen Augen in die Klarheit hinein.
Es ist nur wie eine lauschende Erwartung, ein lautloses Ahnen . . .

Noch nie hat sich der Garten so ganz erschlossen, wie an diesem Abend,
nie so sein schweigsames Märchen erzählt, wie jetzt!

Vom tzeute fürs Morgen

Der Weg zur Wahrheit

ie Menschen, die neue Erkenntnisse,
fruchtbares Wissen oder blühendc
Wahrheiten erobert hatten, standen im-
mer vor einer zwiespältigen Wahl, wie
sie ihren Schatz und dessen Erben zu--
sammenbringen sollten. Die einen tru-
gen die Wahrheit zu den Menschen,
und dic anderen führten die Menschen
zu der Wahrheit. Iene machten dabei
die Erfahrung, daß die Wahrheit, die
in ihrem Auge so wunderbar gefnn--
kelt hatte, verblaßte, als sie von ihrem
ursprünglichen Standort weggetragen
wurde. Es ging ihr wie der Anemone,
die lebensfrisch im Walde stand, aber,
abgepflückt, noch unterwegs verwelkt
und die blendend weißen Blüten schlaff
herabhängen läßt. Auch dic anderen
erlebten bittere Enttäuschungen. Denn
wenn sie zu ihren Brüdern mit der
Botschaft von der Wahrheit kamen, die
sie entdeckt hatten, und sie einluden,
mit ihnen zu ihr zu wandern, trauten
ihnen die meisten nicht oder waren zu
träge, mit ihnen zu gehen. Aber frei-

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lich, die wcnigen, die sich aufmachten,
waren von der geschauten Wahrheit
kaum weniger ergriffen als die Ent-
decker selber und wurden aus Gefährtcn
selber wieder Führer für ihre Brüder.
Das Reich der Wahrheit ist ein leben-
diger Wald. Sollen wir die gewachse-
nen Stämme fällen, zerkleinern, in
Klaftern schichten und in die Stadt
fahren? Dann werden sich die Leutc
vielleicht eine Zeitlang ihre Stube da-
mit behaglich erwärmen, aber ihre
Seele bleibt kalt wie zuvor. Nein, wir
wollen, ob auch nur wenige folgen,
die Wunder des Waldes beschreiben,
die Zaghaften ermutigen und ihnen dic
Freude bereiten, mit eigencn Augen
zu sehen und in eben dem Walde zu
rasten und zu wandeln, der uns selber
zuvor entzückt hat. Nehmen wir an,
der größte der Menschheitsführer hättc
alles gewußt, was ein Geist nur irgend
erkennen kann, er hätte in klarer Le-
bendigkeit durchschaut, was irgend unter
den drei großen Titeln: Gott, Welt
und Seelc im Buch der Wahrheit ge°
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