Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 156
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hat diese Wirkung uicht. Auch die dramatische Tätigkeit scheint das Leben zu
verkürzen, aber nicht so stark wie üie lyrische; doch hat unter den Dramatikern
der Lnstspieldichter mehr Aussicht, alt zn werden. Geradezu ein Lebens-Elixier
aber scheint das Epos zu enthalten und der Roman der Prosa. Ihre Iünger
kommen sehr spät zur Entwicklung, wofür die erstaunlichsten Beispiele K. F.
Meher und Fontane bieten, dafür aber leben sie länger und bleiben bis zu
höchsten Lebensaltern frisch.

Den nicht seltenen Fällen von Wahnsinn bei Lhrikeru und Dramatikern
(Grabbe, Günther, Hölderlin, Lenz, Lenau, vielleicht auch Kleist) steht kein Fall
von Irrsinn bei «inem Roman- oder Ependichter gegenüber.

In weiterer Folge läßt sich aus dieser Lrscheinung schließen, daß die Frage
nach deni Höhepuukt des Lebens keine allgemeine Beantwortung zuläßt. Ls
scheint Frühentwicklungen und Spatentwicklungen zu geben. Eine rasch auf-
steigende Laufbahll, ein hemmungsloses Erreichen gsistiger Ziele verkürzt das
Leben, langsame Entwicklung, geduldiger Anstieg, lange Unselbständigkeit bändigt
die Kräfte, bewahrt sie vor Vergeudung und macht den Greis noch jilgendfrisch,
Wer Kindern und jungen Leuten eine allzu große Freiheit gewährt, ihnen
Erlebnisse gestattet, die erst höheren Iahrgängen zukommen, verkürzt ihr Leben.
Wer hingegen seine Entwicklung langsam gestaltet, sich in Geduld übt und die
schwere Kunst der Selbstbeherrschung zur Vollendung zu bringen trachtet, der
wird viel wahrscheinlicher im Greisenalter die Schwere der Iahre weniger spüreu.
Die Langlebigkeit in jenen Berufen, die dem Nachwuchs strenge Disziplin auf-
erlegen, spricht auch für diese Annahme. Mer sich „früh auslebt", wen seine
Eltern zum Wunderkind machen, dem droht das Leben „unter den Fingern zu
zerrinuen".

Selbstverständlich können solche Erwähnungen nur eine Gruppe von Erschei-
nungeu berücksichtigen. Wieviel anderes tut, das mit dem Beruf uicht zusam-
menhäugt, wie Not oder Äberfluß, vor allem die erbliche Belastung, das kann
ja hier nicht mit besprochen werden. Robert Nagel

Von orientalischer Weltanschauung

Aus Buddhas Verspredigten

er europäische Mensch muß heute eine uugeheure Probe seiner eigenen
^Weseusrechtfertigung bestehen. Die Entwicklung der Hälfte, ja viel-
leicht der ganzen Menschheit steht in dieser Prüfnng auf dem Spiele.
Außer ihm hat nur noch ein Menschentypus bisher das Geschehen unseres
Planetenlebens so dnrchgreifend, so richtunggebend in seiner seelischen
Strnktur gestaltet wie er: der orientalische Mensch. Damit steht die Berech-
tigung des Interesses außer Frage, das der Abendländer an dem kultür-
lichen Dasein des Orientes nimmt. Es handelt sich zwischen den beiden
Menschentypen nicht um einzelne Verschiedenheiten, sondern um ein völli--
ges Anderssein. Während sich die ganze europäische Kultnr begreist als
eine Kultur der Sinne und des Geistes, die an den Fortschritt glaubt und
in diesem Glauben den letzten stetigen Impuls empfängt, der sie rastlos
weitertreibt, der sie Geschichte machen läßt, geht die reine (das heißt nicht
europäisierte) Kultur des Orientes aus von der Kultur des Instinktes, die
Intellekt und Sinne als bctrügerische, in Irrtum nnd Leiden führende
Wegweiser erkennt, die zeitlos ist nnd alles äußere Geschehen als gleich--
gültig, nebensächlich abweist. Der europäische Mensch wird zum Herrscher
der Welt dadurch, daß er sie erobert; der orientalische dadurch, daß er sie
überwindet.

Das sind nur wenige Worte über die grundlegende Andersartigkeit von
Okzident und Orient. Man müßte, um sie zu erschöpfen, Bände darüber
schreiben. Hente aber sollen nur aus einem Bezirke morgenländischer Kultur

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