Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Zndisches Geistesleben

^^ndisches Geistesleben erschöpft sich nicht im Buddhismus. Er hat zwai
»^tiefe Spuren in Indien hinterlassen, aber der indische Geist besann sich
^Inach einiger Zeit der wildesten Ansartungen bnddhistischer Lehre auf seine
alte Weisheit und griff zu den Lehren des Veda zurück. So ist der Buddhis-
mus in seinem Geburtsland heute fast ganz verschwunden. Trotzdem wird bei
uns das geistige Leben, das Denken des indischen Volkes von heute, immer
noch mit dem Maßstab des Buddhismus gemessen. Das gibt uatürlich kein
klares Bild, sondern ein einseitiges. So ist z. B. durchaus nicht allen reli-
giösen Richtungen der Pessimismus eigen. Die Inder selbst begnügen sich mit
einem stillen Lächeln, wenn sie hören, daß wir ihre Auffassung pessimistisch
nennen. Und auch verschiedene Richtungen des Buddhismus betonen den Wert
des Lebens. So sagt Bhikkhu Silacara in seinem Aufsatz „Tatkraft" S. 25, die
Arbeit, die Willensanstrengung seit notwendig für jeden Meuschen. Er sagt:
„Das Leben ist auch ein Spiel; ernsthaft genug uud doch nicht so verzweifelt
ernsthaft, wie es denen erscheinen muß, die ihre Religion lehrt, daß dieses
Leben das einzige ist, das sie auf Erden zubringeu und daß von ihrem Tuu
und Lassen in dieser kleinen Spanne Zeit eine gauze Ewigkeit voll Wohl oder
Wehe, eine endlose Dauer von höchstem Glück oder höchstem Unglück abhängt."
Es kommt eben nur auf die Auffassung an und darauf, ob man die Lehre der
Reinkarnation vom optimistischen oder pessimistischen Standpunkt aus ansieht.
Man kann in der indischen Philosophie so viel Weltzugewandtheit, so viel Opti-
mismus sehen, daß die Spuren der Weltabkehr ganz in den Hintergrund treten.

Der hohe Wert dieser Welt und dieses Lebens für den Inder beruht auf
drei Grundbcgriffen der indischen Lehren, dem Gesetz des Karma, d. i. das
Gesetz von Ursache und Wirkung, dem der Entwicklung und dem der Reinkarna-
tion. Alles Tun des Menschen ist einer Kette gleich. Iede Tat ist ein Glied,
das in das nächste Glied eingreift. Fede Tat ist Ursache zu einer anderen, aber
auch die Folge einer anderen. So baut sich jeder selbst sein Leben und trägt
die Verantwortung für das, was ihm im Leben wird. Aber der Mensch kann
frei wählen, ob er sich für das Gute, für Pflicht und Recht oder das Gegenteik
entscheiden will. So sät er, was er später erntet. Die Wirkung dieser Taten
reicht über dies eine Erdenleben hinaus iu andere. Der Inder glaubt an Ent-
wicklung. Er glaubt, daß alles, was jetzt schwach ist, einmal stark werden wird.
Die Pflanze, das Tier wird einstmals Mensch, und der Mörder kann nach
vielen Geburten ein Avatar, ein Buddha oder Christus werden. Denn all diese
unvollkommenen Lrscheinungen bemühen sich uur, die Einheit, die hinter allem
steht, auszudrücken. Die Einheit, das Sein an sich, das in allem ist, nennt er
Atman. Dieser Atman ist das Wesen aller Dinge. Er ist überdeckt von der
Welt der Erscheinungen, der Maha. Das Bestreben, den Schleier, der über
diesem einzig wahren Sein liegt, dünner und dünner zu machen, das wahre Sciu
hervorleuchten zu lassen, ist der Zweck der Welt und des Lebens. Alles,
was ist, sucht das Glück, diese Einheit zu sein, zu empfinden. Der Weise sucht
es und auch der Dieb. Nur schlägt der Dieb den Weg der engen Selbstsucht ein,
den Weg, dies vergängliche, phhsische „Ich" zu bereichern. Dieser Weg führt
ihn zur Qual. Der Weise erkennt den Unterschied zwischen dem wahren Glück
und dem Schein, und er kann Freude auch am Schein habeu, aber er nimmt
Schein nur als Schein.

Das Ziel dieses Erkennens, das Suchen des All-Lins-Seienden kann auf vier
Wegeu erreicht werden: s. dem der selbstlosen Arbeit im Dienst der Menschheik
(Karma Poga), 2. der Verehrung Gottes (Bhakti Poga;), 3. dem der philosophi-
schen Erkenntnis (Inana Poga), 4. dem der Selbstbeherrschung (Raja Poga).
Diese Wege entsprechen den verschiedenen Anlagen der Menschen, nnd alle vier
führen zum selben Ziel, dem Erkennen der Alleinheit. Dieses Ziel kann
nicht in einem Leben erreicht werden. Die Seele muß solange wieder in mensch-
licher Gestalt ins Leben zurückkehren, bis sie frei geworden ist. Freiwerdeu

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