Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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der gewöhnliche Russe, wenn er zu den lettischen Flüchtlingen an der
unteren Wolga sagte: Was wollt Ihr hier, Ihr seid ja nur eine andere
Sorte Deutsche! Nicht nur vom Standpunkt der baltischen Deutschen
aus, sondern auch im richtig verstandenen Interesse der Letten wie der
Esten wäre es das Beste, das gesamte Baltikum in einen einzigen Frei--
staat zu vereinigen. Dem ist die gegenseitige nationale Abneigung der Letten
und Esten hinderlich, die namentlich auf der estnischen Seite stark und mit
einem überlegenen Selbstbewußtsein gepaart ist. Können sich die beiden
Völker fürs erste nicht verständigen, so mag man sie ruhig getrennte
Wege gehen lassen; vermutlich finden sie sich früher oder später doch
zusammen.

Die lettische Regierung hat vor kurzem mit den maßgebenden deutschen
Stellen eine Vereinbarung getroffen, wonach alle deutschen Kriegsfrei--
willigen, die an der Befreiung von Kurland und Südlivland vom Bol--
schewismus teilnehmen, das Bürgerrecht des zukünftigen Staates Lettland
erhalten, und damit natürlich auch das Ansiedlungsrecht. Das erforder--
liche Land wird reichlich von den deutschen Großgrundbesitzem zur
Verfügung gestellt werden. Damit ist für das ganze Südbaltikum die
Grundlage für ein friedliches und paritätisches Zusammenleben von Deut--
schen und Letten in einem innerlich lebensfähigen lettisch-deutschen Ge-
meinwesen geschaffen. Auch im estnischen Norden ist die dort schon voll-
zogene Befreiung des Landes von den Bolschewisten unter entscheidender
Mithilfe der kriegstüchtigen und entschlossenen deutsch-baltischen Freiwil-
ligen erfolgt, und mit der nüchtern-verständigen estnischen Art wird ein
nationalpolitischer und kulturpolitischer Ausgleich ebenfalls möglich sein.
In diesem Sinne ist die baltische Frage lösbar, und ist sie einmal ge-
löst, so bedeutet das den endgültigen Verbleib des Baltikums im abend-
ländisch-europäischen Kulturzusammenhang als deutsche Kulturprovinz.

Paul Rohrbach

Predigtkirche, Altarkirche, Feierkirche

^fV^o immer und wie immer ein Programm des evangelischen Kirch-
Z! ^baues aufgestellt wird, handelt es sich darum, Liturgie und Predigt,
Altar- und Kanzeldienst in ein bestimmtes Verhältnis zueinander zu
setzen. Der Kirchbau selbst aber, als Probe aufs Exempel, bleibt auf jedes
der Programme die endgültige Lösung schuldig.

Am besten gelingt noch die reine Predigtkirche, in der die Kanzel
der Richtpunkt, der Kanzeldienst der Sinn des Gebäudes ist. Gerade die
letzten Iahrzehnte haben sich um die Herausbildung dieser Form mit Erfolg

(Zerfällt in Z Kirchenräinne. Spieltisch dcs Organisten aus dcm Lcttner dcs Ostchors.)

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