Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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bemüht und sind dabei geendet, die Predigtkirche zu einem würdigen Hör°
saal, die Kirche zu einem Profanbau zu machen. Der Altar ist in solchem
Gebäude aber ebenso fühlbar ein architektonisch toter Punkt, wie die
Liturgie in einem ganz auf die Predigt abzielenden Gottesdienste als mehr
oder minder lebloses Beiwerk empfunden wird.

Weniger glatt, das heißt weniger einseitig löst sich die Aufgabe der
reinen Altarkirche, in welcher die Liturgie das Bauprogramm be-
stimmt. Der Altar ist dabei der unbestrittene Richtpunkt des Gebäudes, sein
Dienst erfordert einen eigenen Teil des Raumes, die Kanzel aber tritt
zur Seite. Da aber die Predigt, die Lehre, ihr durch die Reformation
erworbenes Recht nicht aufgibt, so bleibt sie, auch in ihrer seitlichen Auf-
stellung, ein zweiter Richtpunkt des Gebäudes. Durch alle noch so spitz-
findigen Abwandlungen des Grundrisses hindurch bleibt die raumkünstle-
rische Zwiespältigkeit fühlbar und ist der sinnfällige Ausdruck des zwei-
teiligen und ebenfalls zwiespältigen Gottesdienstes.

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(Die Kanzel ist trotz und entgegen der ursprünglichen Altarrich»
tung zur Ausübung der Altarliturgie bestimmt, Altar und
Altarraum werden nur zur Abendmahlsfeier benützt. Dann Heute nornrale An-

werden auch die vorderen Bänke umgeklappt.) ordnung der Kanzel.

Rein architektonisch wäre die Lösung in einem Gleichgewichtszustande
zwischen Kanzel und Altar zu suchen, also in einem In-einsfallen von beiden
im Richtpunkte des Raumes, oder etwa in einer Aufstellung von beiden
in den zwei Brennpunkten einer Ellipse. Aber auch dieses baukünstlerische
Bestreben mujz unfruchtbar bleiben wegen der ideellen Zwiespältigkeit des
Gottesdienstes.

Er wendet sich in einer und derselben Stunde abwechselnd an den Ver-
stand und das Gefühl, fordert scharfe Aufmerksamkeit und andächtige Ver-
senkung, hebt aber eines oft durch das andere gänzlich auf. Vom takt-
vollen Geistlichen wird auch hier zuweilen ein Gleichgewichtszustand ange-
strebt, das heißt ein Gottesdienst mit einer Predigt, die auch das Gefühl
in Schwingung erhält, und mit einer Liturgie, die auch den Verstand be-
friedigt. Das wirkliche Gelingen eines solchen, auf der schmalen Bahn
einer Stimmung sich bewegenden Gottesdienstes muß aber ebenso als Aus-
nahme bezeichnet werden, wie etwa der elliptische Grundritz doch nur einen
Sonderfall darstellt. Im übrigen führt das Streben nach diesem Gleich-
gewicht in jcne Sackgasse der Indifferenz, in der das evangelische Christen-
tum z. B. während des ganzen Krieges verhängnisvoll stecken blieb.

Das religiöse Bedürsnis des heutigen Tages fordert eine klare Lehre,
einen eindeutig christlichen und menschlichen Standpunkt, einen sicheren
Richtpunkt des Verstandes in der PreLigt und in der Seelsorge. Es ver-
langt aber auch nach Befreiung vom engbegrenzten bewußten Ich, nach

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