Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Nacht, sichtbare Vorzerchen der Zeit, wo die Gestirne eingeholt würden
und die Weltdämmerung hereinbrach. So rückte seine tägliche Gegenwart
mit dem Ende der Dinge zusammen. Er aber konnte, wenn er tapfer war
und Meintat mied, die Heere der lichten Götter einst stärken.

Wo der Zusammenhang auch für uns noch erkennbar isk, wird der
Nachdichter, den wir fordern, ihn mit der Mächtigkeit, die er für den alten
Hörer hatte, uns anders Gearteten erst wieder nahebringen müssen. Ist er
für uns nicht mehr erkennbar, so wird der Nachdichter einen solchen dichte-
rischen Mittelpunkt erfühlen und herausstellen müssen und schlimmstenfalls
lieber auf den Stoff verzichten, als einen toten in der Dichtung des Ganzen
dulden.

Andre Schwierigkeiten übergehe ich. Man merkt bereits, datz sie alle
mit der einen mitgelöst werden: Ein Dichter, der großen Auschauung dieser
heroischen Welt innerlich gewachsen, füllt sich mit ihr und schenkt sie uns
in neuer uns verständlicher Fassung.

Wir haben von einer Amdichtung, an der Leopold Weber arbeitet, be-
reits einige Proben gebracht. Zumal auch vom Gesang der Wala, der
Hauptdichtung des Ragnarökkreises. Auch die „Iugend" druckte einiges.
Hier folgt eine neue: „Balders Tod*. Bonus

Salöers Toö

Nachöichtung uach öer Ldöa von Leoxold weber

sDas Stück leitet öen lveltuntergang ein: „Ragnarök", die Götteröäm-
nrcrung. Schwere Träunre bedrängen Balder, Göins Sohn, öen Lichtesten
öer Asen. lvenn er fällt, stürzt mit öem Reinen der Götter Gewalt. Voll
düsterer Ahnurrg reitet öer Göttervater zur lsel nieöer, ins Reich öer
Unterwclt; er erweckt am Grabhügel drunten öie Seherin von öen Toten
und zwingt sie, ihm öas Schicksal Balders und öer lvelt zu enthüllen.
Schweigend kchrt Göin zurück unö lätzt den Lsornruf zur letzten Lseeres-
schau blasen. Da bricht angstvoll Frigg auf, öie LNutter Balöers.s

n Fensal erhob sich Frigg, öie Herrin,
^Balbers LNutter, von Bangen öurchbebt:
§u Futze eilte öie Asenfürstin
LNit wehendem Lsaare öurchs weltenall.

was atmet unö webt, was wächst auf öer Lröe,
was unter öem Boden im Dunkel sich birgt,

Bat unö bcschwörte sie, Balöer zu schonen,
Nimmcr öem Lichten ein Leiöes zu tun.

Die finstren Thursen im Felsentale,

Die zähen Zwerge in zackiger Aluft,

Die wilöen Tiere im tiefen walöe,

Die Vögel im Lorste, im Strome öer Fisch,

Die fressenöen Flammen, die reitzenben Fluten,
Die sprossenöen Bäume, Gesträuch unö Gestrüxx,
Das blinkenöe Lisen im ööen LNoore,

Im steilen Gewänöe öer starre Steirr:

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